Share this emailCopy the public link or share it on your favorite channel.
Hallo Leser:in,

seit 2020 gibt es in Berlin eine Ombudsstelle für Antidiskriminierung – eine unabhängige Beratungs- und Schlichtungsstelle, an die sich Menschen wenden können, wenn sie sich durch Behörden diskriminiert fühlen. Grundlage ist das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG). Jetzt hat die Stelle ihre Fünf-Jahres-Bilanz gezogen: Fast 4.000 Beratungsanfragen wurden seit der Gründung bearbeitet, häufig nach Diskriminierungserfahrungen wegen Rassismus, Behinderung oder Geschlecht. Die meisten Fälle werden ohne Gericht durch Schlichtung gelöst. Das LADG ist bundesweit einzigartig, weil es als einziges Landesgesetz explizit Diskriminierung durch staatliche Stellen erfasst: Behörden, Polizei, Schulen.

Auf Bundesebene dagegen bleibt der Schutz lückenhaft. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) soll zwar reformiert werden – unter anderem mit einer längeren Klagefrist. Doch staatliche Stellen bleiben weiter außen vor. Für Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman ist das inakzeptabel: Jeder fünfte gemeldete Diskriminierungsfall passiert im Umgang mit Behörden.

Was bedeutet diese Benachteiligung konkret im Alltag - zum Beispiel bei der Wohnungssuche? Unter anderem um diese Frage geht es in unserem neuen Blogbeitrag. Er berichtet aus der Perspektive zweier Wohnungssuchender mit Behinderung - Yasmin Khalil* und Rika Spitz - sowie aus der Erfahrung von Sozialpädagogin Julia Haß, wie sehr der barrierefreie Wohnungsmarkt in Berlin von Mangel, Bürokratie und Zufall geprägt ist. Es kann gut laufen - aber darüber entscheiden oft Glück, Kontakte und der richtige Moment.

Im Kurzportrait berichtet außerdem Journalistin Karina Sturm darüber, wie sie sich mit ihrer Arbeit für mehr authentische Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen in den Medien einsetzt. Aktuelle politische Entwicklungen bereiten Sturm Sorge – die letzten politischen Proteste jedoch machen ihr Hoffnung auf eine gerechtere, weniger ableistische Gesellschaft.

Unten findest du darüber hinaus:
  • Bad News: Tausende Kinder mit Behinderung in Berlin ohne Schulplatz
  • Good News: Berliner Gericht stärkt Rechte von Menschen mit Chronischem Fatigue-Syndrom
  • Termine im Juni - in Berlin und online – zu Inklusion und Vernetzung in Kultur, Wissenschaft und Aktivismus
Hast Du Feedback, Fragen oder Themenvorschläge? Möchtest Du jemanden für ein Kurzportrait vorschlagen? Wir freuen uns auf den Austausch mit Dir! Antworte ganz einfach auf diese E-Mail.

Herzliche Grüße
Maria Milbert / Redaktion Berlin inklusiv
Neuer Blogbeitrag

„Den Inklusionsgedanken sehe ich auf dem Wohnungsmarkt kaum“

Barrierefrei wohnen in Berlin: zwischen Mangel, Bürokratie und Zufall

Yasmin findet in zwei Wochen eine Wohnung. Rika sucht vier Jahre – und zieht am Ende aufs Land. Beide wollten barrierefrei in Berlin wohnen, beide haben alles versucht. Was dabei im Weg steht, weiß auch Sozialarbeiterin Julia: Sie begleitet Menschen mit Behinderung seit Jahren bei der Wohnungssuche – und erlebt ein System, das Gewinner und Verlierer produziert, aber keine Sicherheit.
„Den Inklusionsgedanken sehe ich auf dem Wohnungsmarkt kaum“

Bad News: Tausende Kinder mit Behinderung in Berlin ohne Schulplatz

Bis zu 2.800 Kinder mit Förderbedarf gingen 2024 in Berlin nicht oder kaum zur Schule, weil ihnen ein Platz fehlte. Ein Jahr später hat sich daran nichts geändert – die Zahlen sind dieselben geblieben. Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, macht dafür den Senat verantwortlich: Die Erhebung von 2024 sei überhaupt nur zustande gekommen, weil Interessenvertretungen Druck auf Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch ausgeübt hätten. Die Folgen für die betroffenen Kinder sind gravierend: Für manche Entwicklungsschritte gebe es nur bestimmte Zeitfenster, die sich schnell schließen – und die man nur schwer wieder aufholen kann. Viele Eltern können zudem nicht mehr arbeiten, weil ihr Kind keinen Schulplatz bekommt. Immerhin gibt es seit April einen runden Tisch zum Thema – die Lebenshilfe sieht darin aber noch zu wenig Bemühungen, die strukturellen Probleme anzugehen.

Quelle: taz

Good News: Berliner Gericht stärkt Rechte von Menschen mit Chronischem Fatigue-Syndrom

Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hat im Mai entschieden: Eine Erzieherin, die sich bei ihrer Arbeit mit Ringelröteln infizierte und danach an einem Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) erkrankte, hat Anspruch auf eine Rente der Berufsgenossenschaft. Das Gericht stellte fest: Nicht nur die akute Infektion selbst kann als Berufskrankheit gelten, sondern auch schwere Langzeitfolgen wie CFS, wenn der medizinische Zusammenhang überzeugend belegt ist. Für Inklusion ist das relevant, weil viele Menschen mit Erkrankungen wie CFS oder Long Covid bislang zwischen alle Stühle fallen: zu krank zum Arbeiten, aber ohne anerkannte Behinderung oder Rentenanspruch. Das Gericht wies ausdrücklich darauf hin, dass das Urteil grundsätzlich auch für Long-Covid-Betroffene bedeutsam sein kann. Es ist noch nicht rechtskräftig, setzt aber ein wichtiges Signal.

Quellen: kobinet, gegen-hartz.de

Im Kurzportrait: Karina Sturm - multimediale Geschichten für mehr Sichtbarkeit

Karina Sturm ist freie Journalistin aus Deutschland und arbeitete mehrere Jahre im medizinischen und wissenschaftlichen Bereich, unter anderem als Arzthelferin, medizinisch-technische Laboratoriumsassistentin und in der Forschung. Insgesamt lebte sie neun Jahre in San Francisco und Kopenhagen. Seit 2013 ist sie im Journalismus tätig. 2019 schloss sie ihr Masterstudium mit dem featurelangen Dokumentarfilm We Are Visible ab, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Heute arbeitet sie als multimediale Journalistin auf Deutsch und Englisch an internationalen Projekten im Spannungsfeld von Journalismus und Aktivismus. Seit 2010 lebt sie zudem mit mehreren chronischen Erkrankungen und einer unsichtbaren Behinderung.

Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?

In der letzten Dekade gab es da viele prägende Erlebnisse – sowohl gute als auch schlechte. Eines war zum Beispiel, dass es für mich nicht möglich war, in Deutschland einen Masterstudiengang im Bereich Journalismus zu finden, der mir die behinderungsbedingten Anpassungen erlaubt, die ich brauche. Das fand ich überraschend, weil ich eigentlich gar nicht sonderlich viel brauche, außer einen Studiengang in flexibler Teilzeit und ohne Präsenz, sodass ich mir meine Lernzeiten selbst einteilen kann und nicht physisch am Studienort sein muss. Selbst die „Onlinestudiengänge“, die es damals in Deutschland gab, hatten viele unflexible Präsenzzeiten. Daher habe ich in Schottland studiert. Der Studiengang dort ist mittlerweile aber auch aufgrund von „lohnt sich nicht“ eingestellt worden.
Als ich dann mit dem Master in der Tasche nach Jobs gesucht habe, ist auch relativ schnell aufgefallen, dass das, was ich als meine größte Stärke betrachtet habe, nämlich die eigene Betroffenheit und dadurch eine – wie ich finde – für den Journalismus sehr bereichernde Perspektive auf Vielfalt und Diversität, von vielen Redaktionen eher als Schwäche oder Interessenkonflikt wahrgenommen wurde. Journalismus ist in Deutschland oft noch sehr konservativ und nicht so offen für neue Formate oder inklusive Arbeitsweisen.

Und was mich im letzten Jahr am meisten geprägt hat, war vermutlich der „Learning Moment“, als ich festgestellt habe, dass inklusive Medienarbeit auch als behinderte Person in einer Führungsrolle gar nicht so einfach ist. Wenn man mit einem Team arbeitet, das ausschließlich aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen besteht, fällt schnell auf, dass die Barrierefreiheit einer Person gleichzeitig eine Barriere für eine andere darstellen kann – Access Friction. Und dann merkt man, dass die eigene Arbeitsweise, die bei mir zu 100 Prozent auf die Behinderung angepasst ist, vielleicht nicht so kompatibel ist mit der einer anderen behinderten Person. Man muss kreativ werden und Lösungen suchen für Barrieren, die man vorher gar nicht kannte.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?

Der Fokus meiner Arbeit liegt immer darauf, die stereotype Darstellung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen in den Medien zu verändern, um so (hoffentlich) dazu beizutragen, langfristig Ableismus abzubauen. Sie werden heute noch von vielen Mainstreammedien vorurteilsbehaftet dargestellt, z. B. als leidendes Opfer oder als Übermensch mit Superkräften, obwohl sie gar nichts Besonderes tun – nur aufgrund der Behinderung. Diese Narrative sind extrem schädlich und führen zu Diskriminierung. Sprache schafft Realitäten und wenn wir der Gesellschaft immer wieder durch Artikel, Fernsehsendungen und Podcasts beibringen, dass Behinderung etwas ganz Schlimmes ist und vermieden werden muss, dann ist das das Bild, das nicht behinderte Menschen von uns haben. Der Journalismus kann – gerade, was Diskriminierung angeht – unglaublich viel bewegen. Gleichzeitig wird auch weiterhin oft über behinderte Menschen gesprochen, z. B. durch nicht behinderte Angehörige, Pflegekräfte usw. Ich gebe behinderten Menschen eine Plattform und keiner meiner Artikel ist je aus der Perspektive einer nicht behinderten Person geschrieben. Es sind immer die Menschen involviert, die es betrifft.

Ich nutze für all meine Arbeit multimediale Inhalte – von Video über Audio bis hin zu Text. Zum Beispiel bin ich Co-Moderatorin des BR2-Podcasts „Die Neue Norm“ und des englischen Podcasts „The Global Disability News Network“; ich habe zwei Bücher veröffentlicht – einen multimedialen deutschen Patient:innenratgeber zu den Ehlers-Danlos-Syndromen sowie einen Leitfaden zu Ableismus – und mehrere Buchkapitel verfasst. Aktuell arbeite ich an der Regie des Dokumentarfilms „Props No More“ und bin Chefredakteurin des neu gegründeten „Global Disability News Networks“. Ich habe bei einer Ausstellung zu Gewalt an behinderten Menschen mitgewirkt und produziere barrierefreie Inhalte mit einem kleinen Kamerateam.

Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg Ihrer Tätigkeit?

Ich glaube, es gibt nicht den einen Schritt oder Erfolg. In meinem Leben haben viele kleine Entscheidungen dazu beigetragen, dass ich heute das Privileg habe, an Projekten zu arbeiten, die mir viel Spaß machen und die ich alle für gesellschaftlich relevant halte. Es ist schön, meine Leidenschaft für den Journalismus konstruktiv für Veränderung im Bereich Inklusion nutzen zu können. Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich auch viele unterstützende Menschen in meinem Leben hatte, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre. Zum Beispiel habe ich relativ früh auf meinem Weg Raúl Krauthausen kennengelernt, der mir meine ersten großen Jobs im Journalismus gegeben hat, oder meine Disability-Studies-Professorin Beth Haller, die mir Projekte anvertraut hat, für die ich mich nicht ausreichend qualifiziert gefühlt habe. Sie hat immer wieder gesagt: „Ich weiß, du bist die Richtige dafür und wirst das meistern.“ Viele behinderte Menschen haben all diese Möglichkeiten nicht. Sie bekommen nie die Möglichkeit, einen höheren Schulabschluss zu machen oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten.

Ich erinnere mich gut an einen Satz, den mir die britische Schauspielerin Cherylee Houston in einem Interview gesagt hat, als ich sie gefragt habe, warum sie mir, als ich gerade erst angefangen habe, im Journalismus zu arbeiten, spontan mit meinem Dokumentarfilm geholfen hat, obwohl sie mich nicht kannte und selbst eine sehr bekannte Medienperson war. Sie meinte, sie sei nicht da, wo sie heute ist, wenn ihr nicht diverse Menschen in ihrer Karriere eine Leiter gereicht hätten, und genau das möchte sie an andere Menschen weitergeben. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen, denn gerade als behinderte Person weiß man, wie viel härter man für die meisten Dinge im Leben arbeiten muss. Und gerade dann ist es so wichtig, anderen behinderten Menschen den Weg ein bisschen leichter zu machen.

Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in fünf Jahren?

Ich lebe nicht in Berlin, bin jedoch oft hier und tue viele Dinge mit Berliner Organisationen, zum Beispiel den Sozialhelden. Berlin ist in Deutschland auch meine Lieblingsstadt, weil sie so divers ist. Als Nichtberlinerin schaut man oft auf Berlin und denkt, das ist noch so eine kleine Bubble, in der manche Dinge besser laufen als in den kleineren Städten. Aber am Ende ist Berlin auch nicht weiter als der Rest von Deutschland, was die Umsetzung der UN-BRK angeht. Deutschland hat vor vielen Jahren zugestimmt, die UN-BRK in Deutschland zu geltendem Recht zu machen. Das ist bisher nicht passiert.

Aktuelle politische Entwicklungen, wie die geplante Reform zum Behindertengleichstellungsgesetz, stellen für behinderten Menschen nicht nur eine Bedrohung dar, sondern ganz klar einen Rückschritt. Und ich denke, jede marginalisierte Person sieht die politische Entwicklung der letzten Jahre und fürchtet sich vor dem, was da noch kommen mag. Ich weiß nicht, wo ich Berlin in fünf Jahren sehe.

Aber ich weiß, was ich gerade sehe, erfüllt mich mit Hoffnung, denn gerade die Proteste der letzten Wochen haben gezeigt: Wir lassen uns als Community nicht unterdrücken. Wir lassen das nicht mit uns machen. Wir sind laut, immer und immer wieder. Wir lassen uns die Teilhabe und Inklusion, für die Generationen vor uns hart gekämpft haben, nicht einfach wegnehmen.


*Das Bild wurde mit ChatGPT auf der Basis eines Fotos von Karina Sturm erstellt. Originalfoto: Andi Weiland

Termine im Juni - in Berlin und online

Möchtest Du uns Termine für den Kalender vorschlagen? Antworte einfach auf diesen Newsletter. Das Eintragen von Terminen ist kostenfrei. Über eine Aufnahme entscheidet die Redaktion.
facebook instagram 
Email Marketing Powered by MailPoet