Yasmin findet in zwei Wochen eine Wohnung. Rika sucht vier Jahre – und zieht am Ende aufs Land. Beide wollten barrierefrei in Berlin wohnen, beide haben alles versucht. Was dabei im Weg steht, weiß auch Sozialarbeiterin Julia: Sie begleitet Menschen mit Behinderung seit Jahren bei der Wohnungssuche – und erlebt ein System, das Erfolg und Scheitern produziert, aber keine Sicherheit.
Yasmin Khalil: zwei Wochen, eine Wohnung – und viele Kompromisse
Eine halbschattige Terrasse mit Tisch und ein paar Stühlen, dahinter ein paar Quadratmeter Grün. Durch die Glastür gelangt man in die etwa 35 m2 große Einzimmerwohnung: das Wohn- und Schlafzimmer in Pastellfarben, das Bad, die Kammer. Das Gebäude hat einen Aufzug und der nächste Spaziergang am Ufer ist nur wenige Minuten entfernt. Nach diesem kleinen Glück suchen viele in Berlin lang – besonders, wenn sie auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Yasmin Khalil, die in Wirklichkeit anders heißt, hat es gefunden.
Yasmin ist Mitte zwanzig und Büroassistentin. Sie nutzt im Alltag einen Elektrorollstuhl und daheim verschiedene andere Hilfsmittel, die alle auf den wenigen Quadratmetern untergebracht werden wollen. Für ein paar Stunden pro Woche erhält sie hier in ihrer Wohnung Unterstützung durch eine Sozialarbeiterin und einen Pflegedienst. Seit letztem Jahr wohnt sie hier und auch zum ersten Mal allein.
Der Weg zur eigenen Wohnung war kurz, aber schwer. Bis dahin hatte Yasmin bei ihrer Familie gelebt. Sie hielt lange ein schwieriges Familiengefüge aus, mit Situationen der Gewalt – ein selbstbestimmtes und sicheres Leben war so nicht möglich. Daher entschloss sie sich schließlich, in ein Frauenhaus zu gehen, um sich aus der Notsituation zu befreien. Der Start war schwer, sie traute sich kaum vor die Tür.
Auch zur Arbeit konnte sie zunächst nicht – zu groß war die Gefahr, unterwegs auf ihre Familienmitglieder zu treffen. Schließlich verschob sie ihre Arbeitszeiten und begann, so früh in den Bürotag zu starten, dass man sie noch nicht auf der Straße erwarten würde. Ihre Firma hatte einer dauerhaften Tätigkeit im Homeoffice nicht zugestimmt.
Auf dem Weg ins Büro fühlte sie sich unsicher.
Ich wusste nicht, ob jemand mich sieht, ob jemand mich mitnimmt. Es war wirklich eine sehr schwere Zeit. Ich dachte, sie wird nie enden.
Aber im Frauenhaus unterstützte man sie bei den nächsten Schritten. Sie beantragte einen Wohnberechtigungsschein und kam mit dem Verein ASAP e.V. in Kontakt, der Wohnraum an gewaltbetroffene Frauen sowie Trans-, intersexuelle und nonbinäre Personen mit Gewalterfahrungen vermittelt – auch barrierefreie Wohnungen, auf dem freien wie auf dem Geschützten Wohnungsmarkt.
Yasmin nahm direkt die erste Wohnung – die, neben der wir nun bei Erdbeeren und Tee auf der frühlingshaften Terrasse sitzen. ASAP nahm für sie Kontakt zum Vermieter auf und schilderte die Situation: der Rollstuhl, das Frauenhaus, die Dringlichkeit, eine Wohnung zu finden. Nach einer Wohnungsbesichtigung mit freundlichem Hausmeister sagte Yasmin zu – und erhielt die Wohnung. Von der Kontaktaufnahme mit dem Verein bis zur Wohnungsbesichtigung waren nur zwei Wochen vergangen.
Ich bin eigentlich ich sehr zufrieden mit der Wohnung. Klar gibt es an manchen Tagen Schwierigkeiten, sodass ich mehr Unterstützung benötige. Aber trotzdem.
Schwierigkeiten: Die Wohnung liegt im ersten Stock und muss mit einem Aufzug erreicht werden. Gerade gestern hatte dieser nicht funktioniert, sodass Yasmin über fünf Stunden draußen wartete. Dann ist da die Schwierigkeit, mit Hilfsmitteln auf begrenztem Raum klarzukommen. Und die Gewöhnung an einen neuen Bezirk: Der alte fehlt ihr, aber dort wäre die Miete einfach zu hoch gewesen. Trotz dieser Kompromisse ist Yasmins Suche nach einer barrierefreien Wohnung eine Erfolgsgeschichte, die wenige erleben. Gegenbeispiele gibt es viele.
Rika Spitz: Vier Jahre gesucht, Berlin nicht gefunden
Ich sehe nichts weiter außer Beton, Staub und Zement. Nach 4 Jahren intensiver Wohnungssuche ist mein Luftschloss wie eine Seifenblase zerplatzt. Anstatt in die pulsierende Metropole Berlin, wie ich es mir erträumt hatte, führte mich mein Weg in ein Neubaugebiet auf dem Land. Ehrlich gesagt, das war schon immer mein Albtraum.
So fasst Rika Spitz die Geschichte ihrer Wohnungssuche zusammen, bei der sie dieses Jahr schließlich einen denkbar großen Kompromiss eingegangen ist: Gar nicht erst nach Berlin zu ziehen, sondern auf dem Land zu bleiben. Davon berichtet sie auf „Rikas Blog“.
Rika ist Anfang dreißig und benötigt im Alltag aufgrund einer Seh- und Geheinschränkung Unterstützung. Sie ist auf ihrem „Weg in Richtung Freiheit“, und das heißt: „raus aus dem Wohnheim und rein ins selbstbestimmte Leben“. Nach ihrem Auszug aus dem Elternhaus erlebte sie zunächst die typischen Institutionen: eine Wohnstätte und eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Aus beidem hat sie sich inzwischen gelöst.
Dabei war die aktuelle Wohnung jedoch „eine Vernunftsentscheidung“ für sie. In Berlin hat sie sich zahlreiche Wohnungen angesehen. Doch hatte jede davon einen Haken, und selten stimmte das Vorgefundene so ganz mit der Anzeige überein: Mal war zwar die Wohnung selbst barrierefrei, das Gebäude aber nur über Stufen zu betreten; mal gab es statt einer Dusche eine Wanne mit hohem, für Rika unüberwindbaren Rand; mal war die Straße so schlecht an den ÖPNV angebunden, dass der Umzug sie praktisch an die Wohnung gebunden hätte. Und:
Wenn ich mal eine barrierefreie Wohnung entdeckt hatte, war sie zu teuer. Die hohen Mietpreise trägt das Amt nicht – darauf bin ich aber angewiesen.
Am Ende lösten ihre Eltern das Problem, indem sie ihr eine Neubauwohnung kauften – auch das eine Möglichkeit, die nur den wenigsten offensteht. Bei Berliner Wohnunsgspreisen geht das kaum noch – daher wohnt Rika nun auf dem Land und versucht, sich hier einzurichten. Weiterhin sucht sie auch nach Assistenzkräften, um sicherzustellen, dass sie hier dauerhaft selbstständig leben kann.
Der Weg zur barrierefreien Wohnung ist schwer – „eine extrem herausfordernde Reise“, wie Rika in ihrem Blogbeitrag schreibt. Warum gelingt diese Reise der einen (Wahl-)Berlinerin in zwei Wochen – und der anderen gar nicht?
Berlins barrierefreier Wohnungsmarkt: Knapp, teuer, umkämpft
Beide Wohnungssuchende hatten es mit typischen Berliner Problemen zu tun. Insgesamt ist der Wohnungsmarkt angespannt – es mangelt an Wohnraum, ganz besonders an barrierefreiem. Laut dem letzten Wohnraumbedarfsbericht fehlen in der Hauptstadt 57.000 barrierefreie Wohnungen. Die tatsächliche Lücke ist jedoch größer, da nicht jede barrierefreie Wohnung derzeit von Menschen bewohnt wird, die sie brauchen. Aufgrund der Ausstattung sind diese Wohnungen oft auch für andere attraktiv, beispielsweise Familien, die ebenfalls viel Platz brauchen.
Julia Haß kennt den Markt – und seine Grenzen
Mit diesem Mangel kennt sich Julia Haß gut aus. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet seit 2009 bei Phoenix – Soziale Dienste in Berlin und ist seit 2016 stellvertretende Leitung des Betreuten Einzelwohnens (BEW). Die Mitarbeiter:innen des BEW unterstützen Menschen mit vor allem körperlicher Behinderung bei der selbstständigen Lebensgestaltung.
Dazu gehört oft auch die Wohnungssuche: Sie gehen gemeinsam mit den Wohnungssuchenden Anzeigen durch, beantworten sie, beantragen Wohnberechtigungsschein und Schufa-Auskunft, begleiten bei Besichtigungen. Manchmal haken sie außerhalb der Gesprächszeiten stellvertretend nach. Und strahlen Optimismus aus, wie Julia berichtet, denn: „Es ist wichtig, sich auf dem Wohnungsmarkt nicht entmutigen zu lassen.“
Wer nicht schnell entscheiden kann, verliert
Dieser Wohnungsmarkt sei für Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, schon immer schwierig gewesen. Unter den Vielen, die nach Berlin ziehen möchten, sind Jahr für Jahr auch zahlreiche Menschen mit Behinderung. Oft entscheiden sie sich wegen der guten Versorgungslage gegen ein Leben auf dem Land und für eine Wohnung in der Hauptstadt. Und suchen diese meist lang.
Doch nicht alle haben genug Zeit. Besonders schwierig sei die Lage für Menschen, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben oder aus der Reha zurückkommen – und für die ihre alte Wohnung nicht mehr geeignet ist, zum Beispiel, weil sie sie im Rollstuhl nicht mehr erreichen könnten.
Auch die Ämter spielen beim Faktor Zeit oft eine nachteilige Rolle, weiß Julia aus Erfahrung. Wer eine barrierefreie Wohnung braucht, benötigt für deren Miete häufig Unterstützung des Sozialamts. Bis die da ist, dauert es aber oft ein paar Wochen.
Man muss erst einmal eine Kostenübernahme oder zumindest eine Zusage des Amtes erwirken, meistens einen Wohnberechtigungsschein beantragen, alle möglichen Unterlagen haben. Bis das Okay vom Sozialamt kommt, ist die Wohnung meistens schon weg. Es ist ein Wettbewerbsnachteil – insbesondere bei der Überlastung unserer Ämter.
Andererseits sieht sie bei Ämtern auch positive Veränderungen. Sie seien inzwischen flexibler geworden, was den Quadratmeterpreis angeht – aus der Einsicht heraus, dass sich im vorgegebenen finanziellen Rahmen meist nichts findet.
Inzwischen werden in der Kostenübernahme oft sogenannte Ausnahmeregelungen getroffen. Das heißt, die Knappheit an barrierefreien Wohnungen ist auch strukturell bei den Ämtern angekommen.
Barrierefrei kostet mehr – und oft zu viel
Barrierefreier Wohnraum kostet aufgrund der Ausstattung meist mehr. Laut einer Auswertung des Immobilienprotals Immoscout lag der Preisaufschlag 2025 bundesweit bei rund 19% der Miete.
Julia zufolge heißt „barrierefrei“ zudem noch nicht viel – es kommt im Einzelnen darauf an, wie die Wohnung tatsächlich gestaltet ist. Dazu gibt es verschiedene Abstufungen und Normen. Im Berliner Wohnungsbestand finden sich nur selten die am umfassendsten barrierefrei gestalteten „rollstuhlgerechten“ oder „Rollstuhlbenutzerwohnungen“: Etwa 1600 halten die landeseignen Wohnungsgesellschaften vor. Wie viele fehlen, ist schwer zu sagen – im Senat kursierte 2023 die geschätzte Zahl 10.000.
Oft ist neben barrierefreier Ausstattung auch mehr Platz nötig – einerseits für Hilfsmittel wie Rollstühle und Lifter, andererseits auch für Assistenzkräfte, die im Alltag gebraucht werden.
Vermieter:innen wollen oft helfen – solange es nur um eine Behinderung geht
Direkte Diskriminierung aufgrund von Behinderung hat Julia im Kontakt mit Vermieter:innen noch nicht erlebt. Eher zeigt ihre Erfahrung, dass private Wohnungsbesitzer:innen helfen wollen, wenn sie die Situation verstehen. Kommen andere Faktoren hinzu, beispielsweise eine Migrationsgeschichte oder eine bestehende Wohnungslosigkeit, sieht es jedoch schon anders aus.
Auch für Raucher:innen und Menschen mit Haustieren dauere die Wohnungssuche mit dem BEW oft länger. Außerdem erlebt Julia, dass Vermieter:innen und Ämter bei stellvertretender Ansprache durch BEW oder gesetzliche Betreuer:innen oft zugänglicher sind als gegenüber den Wohnungssuchenden selbst – und auch das ist eine Form der Diskriminierung.
Wie sieht die Wohnung aus – und wie weit ist sie vom eigenen Leben entfernt?
Neben Zeit und Geld sind auch die Lage und die Qualität der Wohnung wichtige Punkte. So sind gerade Rollstuhlbenutzerwohnungen sehr wartungsintensiv, da sie über viel Elektronik verfügen: Türöffner am Hauseingang, ein Fahrstuhl – alles Dinge, die genau passen müssen und kaputtgehen können. Erdgeschosswohnungen wiederum neigen häufiger zu Schimmel. „Ich habe schon viel Zeit damit verbracht, mit Hausmeister:innen zu sprechen oder Kontakt zur Wohnungsbaugesellschaft aufzunehmen, weil irgendwelche Reparaturen anstehen“, berichtet Julia. Sie hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Rika Spitz:
Auf dem Papier sehen die Dinge immer irgendwie integrativ und einfach aus. Aber die Realität ist oft anders: Vielleicht gibt es die Wohnung nicht mehr, oder sie ist in schlechtem Zustand. Die Wohnungsportale sind nicht aktuell gehalten. Das ist eine Schönmalerei des Wohnungsmarkts – aber auch der Unterstützung für Menschen mit Behinderung.
Oft ein besonders emotionaler Punkt: die Lage. Sie hat weitreichende Auswirkungen, beginnend bei der Teilhabe an der Gesellschaft: in die Kneipe gehen, zur Arbeit kommen, zur ärztlichen Praxis. Barrierefreie Wohnungen „findet man oft eher abseits von Geschehen. Den Inklusionsgedanken sehe ich auf dem Wohnungsmarkt kaum“, schildert Julia.
Wer plötzlich eine barrierefreie Wohnung braucht, entfernt sich daher oft nach und nach vom eigenen Lebensumfeld – und nimmt damit auch „Abstand vom alten Leben“:
Ich höre oft: Okay, bis Tempelhof-Schöneberg würde noch gehen. Und dann ist es irgendwann Spandau, und danach vielleicht sogar eine WG. Es ist ein schwieriger Prozess, in dem Menschen sich von immer mehr verabschieden müssen.
Was sich ändern müsste
Julia wünscht sich eine Vereinfachung der bürokratischen Prozesse. Insgesamt sei der Aufwand für Wohnungssuchende, die Grundsicherung beziehen, sehr hoch. Und dass man bei jedem Umzug für das Sozialamt noch drei Kostenvoranschläge der Umzugsunternehmen vorweisen muss, ist für sie „eine Farce“.
Vor allem aber müsste sichergestellt werden, dass Rollstuhlbenutzerwohnungen nur von Menschen bezogen werden dürfen, die sie auch wirklich brauchen. Dabei könnte beispielsweise ein Portal helfen, in dem gezielt nur diese Wohnungen veröffentlicht werden – und aus dem auch hervorgeht, wie barrierefrei sie wirklich sind. Das sollte „ein geschützter Raum“ sein für Menschen, die auf diese Wohnungen angewiesen sind – idealerweise mit einer Vermittlung.
Der entscheidende Unterschied: Zugang
Julia spricht damit einen Punkt an, der auch die Wohnungssuchenden Yasmin und Rika unterscheidet: den Zugang. Während Rika auf dem freien Wohnungsmarkt suchte, wurde Yasmin eine Wohnung innerhalb eines unterstützenden Settings vermittelt – stellvertretend für sie. Am Ende weiß man nicht, ob genau das den Unterschied gemacht hat, denn dazu ist der Wohnungsmarkt zu unberechenbar. Aber es zeigt: Der Zugang zu barrierefreiem Wohnraum ist nicht für alle gleich organisiert – und das hat Konsequenzen.
Der barrierefreie Wohnungsmarkt produziert Erfolg und Scheitern – aber keine Sicherheit
Yasmin hat eine Wohnung gefunden. Rika nicht, zumindest nicht in Berlin. Am Ende haben der Zugang und der Zufall entschieden, der richtige oder falsche Moment.
Das macht das System nicht gerechter, sondern unberechenbar. Wer eine barrierefreie Wohnung in Berlin braucht, kann nicht planen. Man kann wirklich viel tun: sich informieren, Anträge stellen, Besichtigungen wahrnehmen. Man kann sich sehr viel Zeit nehmen, aber trotzdem scheitern. Oder man findet in zwei Wochen eine Wohnung, weil die richtigen Strukturen zur richtigen Zeit verfügbar sind und greifen.
Dieses System produziert keine Sicherheit. Das trifft vor allem Menschen in ohnehin vulnerablen Lebenslagen: nach einer Diagnose, nach der Reha, in einer Gewaltsituation. Menschen, für die Planbarkeit besonders wichtig wäre. Yasmins Situation zeigt aber auch: Es kann gut gehen. Manchmal fängt das System Menschen auf, die es brauchen – und den Mut haben, einen schweren Schritt zu gehen.
Selbstbestimmt barrierefrei zu wohnen ist für Menschen mit Behinderung in Berlin keine gesicherte Wirklichkeit, sondern häufig ein Ergebnis von Glück, Netzwerken und Kompromissen. Das zu ändern, ist eine große wohnungspolitische Aufgabe. Nimmt Berlin Inklusion auf dem Wohnungsmarkt wirklich ernst, muss der Zugang zu barrierefreiem Wohnraum vereinfacht und gesichert werden – zum Beispiel durch ein Portal mit Vermittlung.