Im Kurzportrait: Martin Vahemäe-Zierold

Beauftragte Person für Queer und Antidiskriminierung im Bezirksamt Mitte

Ich arbeite daran, die Berliner Verwaltung diskriminierungsfreier zu gestalten. Ich bin taub, meine Muttersprache ist Gebärdensprache, die in meiner Familie über Generationen weitergegeben wird – inzwischen in vierter Generation. Nach meinem Realschulabschluss an einer Gehörlosenschule in Chemnitz habe ich zunächst verschiedene Ausbildungen und berufliche Stationen durchlaufen: als sozialpädagogische Assistenz, in einem Jugendclub sowie als ausgebildete:r Gebärdensprachdozent:in. Mein beruflicher Weg führte dann über ein Studium der Sozialen Arbeit, verschiedene Stationen in der Verwaltung und eine Tätigkeit in der Landesantidiskriminierungsstelle Berlin. Bis heute unterrichte ich nebenberuflich Gebärdensprache. Meine jetzige Stelle als Beauftragte Person für Queer und Antidiskriminierung wurde 2022 neu geschaffen.

Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?

Stimmt die Haltung, dann funktioniert es auch mit der Inklusion. Wenn Menschen denken, Inklusion wird nicht benötigt, dann erschwert das mein Leben. Aber wenn sie eine gute Einstellung haben – beispielsweise, wenn sie bereit sind, Gebärdensprache zu erlernen –, erleichtert es mir die Teilhabe.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?

Ich bin antidiskriminierungsbeauftragte Person beim Bezirksamt Mitte. Ein Teil meiner Arbeit ist die Beschwerdestelle und zu den rechtlichen Grundlagen dieser Tätigkeit gehört das Landesantidiskriminierungsgesetz. Das Thema Ableismus, also Diskriminierung aufgrund von Behinderung, ist darin aufgeführt. Bürger:innen können also bei mir Beschwerden einreichen, wenn sie in Berliner Bezirksämtern und den darin angesiedelten Fachämtern Diskriminierung erleben. Mein großes Ziel mit dieser Arbeit ist es, die Diskriminierung von Bürger:innen abzubauen.

Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg in Ihrer Tätigkeit?

Vor allem das Landesantidiskriminierungsgesetz ist eine große, große, große Errungenschaft für Berlin. Es schafft Klarheit in Bezug auf Antidiskriminierungsrecht und Diversity und regelt die Haltung der Kolleg:innen auf der bezirklichen Ebene. Dadurch werden Diversity-Maßnahmen wie Sensibilisierungstrainings umgesetzt. Es braucht aber natürlich Zeit und regelt nicht alles von heute auf morgen.

In Bezug darauf knüpfe ich Netzwerke in der Zivilgesellschaft und der Stadtverwaltung. Ich nehme Einfluss auf die Haltung der Mitarbeitenden in verschiedenen Ämtern, um Diskriminierung abzubauen. Da verzeichne ich wirklich große Erfolge.

Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Inklusion in Berlin?

Sehr viele. Trotz einiger Verbesserungen bleibt es beispielsweise ein Thema, dass die Kosten der Inklusion tauber Menschen in der Berliner Verwaltung übernommen werden – vor allem für das Dolmetschen.

Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in fünf Jahren?

Als taube Person würde ich es sehr begrüßen, in fünf Jahren mehr Barrierefreiheit zu sehen – sowohl auf der Arbeit als auch im Freizeitbereich. Zum Beispiel kann Künstliche Intelligenz automatisch Untertitel erzeugen. Dadurch werden mir Informationen leichter zugänglich. Meine Vision ist es, dass solche KI-Technologien überall eingesetzt werden – im Kino, beim Einkaufen und bei Veranstaltungen. Dann könnte ich mich barrierefrei bewegen.

Das würde mein Privat- und auch mein Arbeitsleben sehr erleichtern. Die Kosten meiner Arbeitsassistenz werden zwar übernommen, aber ich habe keinen Rechtsanspruch auf Kostenerstattung im Freizeitbereich. Mit meiner Arbeit erledige ich viel Inklusion, erlebe sie aber im Freizeitbereich wenig. Das ist immer wieder eine sehr belastende Erfahrung.

Das Bild wurde mit ChatGPT auf der Basis eines Fotos von Martin Vahemäe-Zierold erstellt.

29.04.2026, Redaktion: Maria Milbert