Im Kurzportrait: Sigrid Arnade

Pionierin der Selbstbestimmung behinderter Frauen

Dr. Sigrid Arnade wurde 2023 von der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) zur Honorarprofessorin ernannt und ist eine Pionierin für die Rechte von Frauen mit Behinderung. Seit den 1980er-Jahren setzt sie sich für Selbstermächtigung und Selbstorganisation ein, gründete Organisationen wie das Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V. und war maßgeblich an den Verhandlungen zur UN-Behindertenrechtskonvention beteiligt. Ihr Motto „Immer dranbleiben, nachhaken, niemals aufgeben“ prägt ihr Engagement, das mit Auszeichnungen wie dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wurde.

Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?

Die falsche amtliche deutsche Übersetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Der englische Begriff „inclusion“ wurde mit „Integration“ übersetzt, obwohl es im Englischen wie im Deutschen sowohl inclusion/Inklusion als auch integration/Integration gibt und sich es sich um zwei unterschiedliche Konzepte handelt.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?

Die Umsetzung der UN-BRK in Deutschland. Das bedeutet vor allem, dass ich mich für mehr Selbstbestimmung, mehr Barrierefreiheit, mehr Gewaltschutz und mehr Inklusion in der Bildung, beim Arbeiten und Wohnen einsetze.

Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg ihrer Tätigkeit?

Die Grundgesetzergänzung von 1994 um den Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ und die starke Verankerung der Rechte von Frauen mit Behinderungen in der UN-BRK. Ich war jeweils eine von vielen Aktiven, denen diese Erfolge zu verdanken sind.

Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Inklusion in Berlin?

Eine große Gefahr sehe ich vor allem in dem zunehmenden Rechtsruck der gesamten Gesellschaft mit der parallelen Entsolidarisierung. Gespart wird bei denen, die sich am wenigsten wehren können. Und dazu gehören behinderte Menschen.

Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in 5 Jahren?

Ich wünsche mir eine gelungene schulische Inklusion, Überführung der Werkstätten für behinderte Menschen in Inklusionsfirmen oder ihre Auflösung, eine barrierefreie Stadt mit genügend barrierefreiem Wohnraum, effektiven Gewalt- und Diskriminierungsschutz, funktionierende Assistenzmodelle und eine Psychiatrie ohne Zwang. Realistisch betrachtet befürchte und erwarte ich leider das Gegenteil. Trotzdem lohnt der Kampf, damit das Schlimme etwas weniger schlimm wird.

*Bild von Sigrid Arnade: Zeichnung erstellt mit ChatGPT auf der Basis eines Fotos von Guila Iannicelli

27.03.2026, Redaktion: Maria Milbert