Im Kurzportrait: Anna Heidrich
Berliner Antidiskriminierungsberaterin
Ich bin Anna Heidrich und beschäftige mich schon viele Jahre mit den Themen Behinderung und Inklusion. Mir ist es wichtig, Inklusion möglichst weit zu denken und dabei viele verschiedene Formen von Identität(en) und Lebensrealitäten zu berücksichtigen. Sowohl beruflich als Antidiskriminierungsberaterin bei der ADB (Antidiskriminierungsberatung Alter, Behinderung, Chronische Erkrankung) als auch als Organisatorin von Tango-Events setze ich mich dafür ein, Räume zu schaffen, in denen Inklusion erlebbar wird.
Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?
Es gibt für mich nicht das eine Erlebnis. Vielmehr ist es eine Reihe von Erfahrungen, oft sind es auch eher kleine Momente, die aber einen Unterschied machen. Im Arbeitskontext freue ich mich z. B. jedes Mal, wenn wir einen Diskriminierungsvorfall melden und die Gegenseite mit Verständnis reagiert, bereit ist, etwas zu ändern, und es auch umsetzt. Beispielsweise wenn die BVG eine weitere Haltestelle barrierefrei gestaltet oder ein*e Arbeitgeber*in angemessene Vorkehrungen bereithält. Das klingt ziemlich selbstverständlich, aber die Praxis zeigt, dass so etwas oft als Extra verstanden wird, und nicht als fundamentales Recht auf Teilhabe und Inklusion.
Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?
Unsere Kernaufgabe ist und bleibt die Beratung. Wir versuchen stetig, die ADB für immer mehr Menschen zugänglich zu machen und unser Angebot zu verbessern. Aktuell setzen wir z. B. unseren Newsletter neu auf und hoffen dadurch neben unserem Beratungsangebot auch generell Interessierte zu den Themen Behinderung, Inklusion und Antidiskriminierung gewinnen zu können.
Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg ihrer Tätigkeit?
Im letzten Jahr habe ich als Beraterin eine schwerbehinderte Arbeitnehmerin bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt. Ich habe sie zunächst außergerichtlich begleitet, bis sie sich entschied zu klagen. Das Berliner Arbeitsgericht hat dann in einem wichtigen Urteil klargestellt, dass fehlende angemessene Vorkehrungen nach § 164 Abs. 4 SGB IX eine Diskriminierung darstellen. Der Klägerin wurde eine Entschädigung zugesprochen, ein wichtiges Signal für die Rechte von Beschäftigten mit Behinderungen und eine Stärkung des Antidiskriminierungsrechts, hier zentral das AGG. (Lesetipp: Beitrag auf Berlin inklusiv zu diesem Fall)
Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Inklusion in Berlin?
Mir bereitet der politische Wandel hin zu rechtskonservativen bis teilweise rechtsextremen Positionen große Sorge. Auch in Berlin sind Menschen, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind, von immer mehr Ausgrenzung betroffen, so auch Menschen mit Behinderungen. Ableismus und Behindertenfeindlichkeit nehmen zu und die Stimmen von Menschen mit Behinderungen drohen kein Gehör mehr zu finden.
Hinzu kommt, dass diverse zivilgesellschaftliche Projekte und Initiativen für Inklusion und Antidiskriminierung von Kürzungen oder gar Streichungen betroffen sind. Gerade sie leisten aber unverzichtbare Arbeit in Bezug auf Bildungsangebote, Empowerment und individuelle Unterstützung. Berlin muss langfristig und ausreichend in diese Strukturen investieren, um Gleichberechtigung und Inklusion zu ermöglichen.
Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in 5 Jahren?
Das hängt sehr stark von der politischen Entwicklung im Land ab.
Wenn es schlecht läuft, dann hoffe ich auf große Solidarität untereinander, sowohl innerhalb der Bewegung von Menschen mit Behinderungen als auch darüber hinaus. Gegenseitige Unterstützung und neue Bündnisse könnten entscheidend sein, um Inklusion trotz widriger Umstände aufrechtzuerhalten.
Wenn es gut läuft, dann wurden hoffentlich weitere Ziele, wie sie z. B. in der UN-BRK formuliert werden, weiter umgesetzt, wie eine barrierefreie Verwaltung, eine inklusive Ausgestaltung des Bildungs- und Gesundheitswesens und mehr Schutz vor Diskriminierung. Damit geht einher, dass Menschen mit Behinderungen eine stärkere Lobby bekommen und ihre Positionen sichtbarer werden.
27.03.2026, Redaktion: Maria Milbert