Im Kurzportrait: Raul Krauthausen

Aktivist und Autor für Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe

Raul Krauthausen lebt in Berlin und arbeitet als Aktivist für Inklusion, Autor und Medienmacher. Als einer der bekanntesten Aktivist:innen der Inklusionsbewegung in Deutschland hat er den Diskurs um Teihabe in den letzten 20 Jahren entscheidend mitgeprägt. 2004 gründete er den Verein Sozialhelden mit, aus dem unter anderem Projekte wie Wheelmap.org, BrokenLifts und JOBinklusive hervorgegangen sind. In seinem Podcast Im Aufzug spricht er mit Gäst:innen über Behinderung, Gesellschaft und die Frage, warum Teilhabe noch immer häufig als Sonderfall behandelt wird. Mit seiner Arbeit setzt er sich seit vielen Jahren für mehr Barrierefreiheit, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein.

Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?

Prägend war weniger ein einzelnes Ereignis als die Erfahrung, dass ich als Kind selbstverständlich auf eine Regelschule gehen konnte, während viele andere behinderte Kinder in Sonderschulen kamen. Mir wurde früh klar, dass dieser Unterschied nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun hatte, sondern mit Zufall, Herkunft und dem Engagement meiner Eltern. Teilhabe darf aber kein Glücksfall sein, sondern muss ein einklagbares Recht bleiben.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?

Im Kern geht es uns darum, Barrierefreiheit im privaten Sektor endlich verpflichtend zu machen, denn bislang gilt in Deutschland nur der öffentliche Bereich als reguliert. Zweitens geht es um den Arbeitsmarkt: Über JOBinklusive setzen wir uns dafür ein, dass Werkstätten für behinderte Menschen schrittweise durch reguläre, tariflich bezahlte Beschäftigung ersetzt werden. Und drittens geht es mir allgemein um mehr Selbstbestimmung behinderter Menschen, also um die Frage, wer entscheidet, wann ich aufstehe, wo ich wohne und mit wem und wie ich lebe.

Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg Ihrer Tätigkeit?

Wheelmap.org ist heute mit über zwei Millionen erfassten Orten eine der größten Karten für rollstuhlgerechte Orte weltweit. Der eigentliche Erfolg liegt für mich aber darin, dass Barrierefreiheit dadurch von einer Nischenforderung zu einem Thema geworden ist, über das auch Kommunen, Unternehmen und Medien sprechen. Ähnliches gilt für die öffentliche Debatte über Werkstätten, die vor zehn Jahren kaum jemand kritisch geführt hat und die inzwischen auch in der Politik angekommen ist.

Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Inklusion in Berlin?

Berlin hat viele gute Konzepte, scheitert aber regelmäßig an der Umsetzung und an der Finanzierung. Konkret heißt das: defekte Aufzüge im ÖPNV-Netz, kaum barrierefreie Taxis, ein Wohnungsmarkt fast ohne barrierefreie und bezahlbare Angebote, lange Wartezeiten bei Anträgen für Assistenzleistungen und Schulen, die inklusive Beschulung mangels Personal faktisch ablehnen. Hinzu kommt der Spardruck im Landeshaushalt, der zuerst bei den Menschen ankommt, die am wenigsten Lobby haben.

Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in fünf Jahren?

Optimistisch betrachtet könnte Berlin zeigen, dass eine Großstadt Barrierefreiheit als Standard denkt und nicht als Nachrüstung, etwa bei Digitalisierung, Verwaltung und Verkehrsplanung. Vorbild hier könnte Barcelona sein. Realistisch rechne ich damit, dass es weiter zwei Geschwindigkeiten gibt: sichtbare Leuchtturmprojekte auf der einen Seite, ein überlastetes Sozialsystem auf der anderen. Entscheidend wird sein, ob behinderte Menschen selbst an den Stellen sitzen, an denen Entscheidungen getroffen werden.

 

22.09.2026, Redaktion: Maria Milbert

Das Bild wurde mit ChatGPT auf der Basis eines Fotos von Raul Krauthausen erstellt. Originalfoto: Anna Spindelndreier (2022)