Im Kurzportrait: Sabrina Lorenz
Mit Aufklärung und Sichtbarkeit zu echter Inklusion
Sabrina Lorenz ist Sozialarbeiterin (B.A.), Autorin, Speakerin und Beraterin. Sie lebt selbst mit einer angeborenen Behinderung und chronischen Erkrankungen und setzt sich gegen Ableismus ein – also dafür, dass Teilhabe als Menschenrecht verstanden wird. Mit ihrem Kanal „Fragments of Living“ erreicht sie täglich mehrere Zehntausend Menschen, 2023 erschien ihr erstes Buch im Eigenverlag. Bekannt wurde sie zudem durch ihren TEDx Talk in Freiburg sowie ihr Engagement in der Zukunftsklage von Greenpeace Deutschland und Germanwatch vor dem Bundesverfassungsgericht. Ihr Ziel: eine Gesellschaft ohne Barrieren, in der Selbstbestimmung und Repräsentation selbstverständlich sind.
Was war ein prägendes Erlebnis für Sie in Bezug auf Inklusion?
Oh, da habe ich direkt vor Augen, wie ich 2024 gemeinsam mit Greenpeace die „Zukunftsklage“ eingereicht habe. Mit sieben Mitkläger:innen und über 55.000 Menschen haben wir die Klage unterzeichnet. Zusammen sind wir zum ersten Mal in der Geschichte der Republik vor dem Bundesverfassungsgericht für inklusiven Klimaschutz eingestanden. Das hat mich unglaublich bewegt!
Welche konkreten Ziele verfolgen Sie aktuell in Ihrer Arbeit?
In meinen Workshops, Seminaren und Vorträgen geht es oft um die Sensibilisierung zum Thema Ableismus, also der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen. Gemeinsam mit Fachkräften, Betroffenen, Angehörigen und Schüler:innen hinterfragen und überprüfen wir, welche inneren Bilder sie zu den Themen Behinderung und chronische Erkrankung haben. Häufig stellen wir fest, dass viele Annahmen auf Vorurteilen und Unwissenheit beruhen. Aber daraus resultiert, dass Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen abgewertet und benachteiligt werden. Das ist für viele Menschen ein echter Schlüsselmoment. Im Anschluss schauen wir gemeinsam, wie wir uns selbst, unseren Angehörigen und Mitmenschen in unserer Gesellschaft besser gerecht werden können.
Das ist der erste Schritt: Aufklärung. Der Bevölkerung, der Fachkräfte und der Entscheidungsträger. Denn das wirkliche Ziel ist Inklusion – und somit eine flächendeckende, alltagsbegleitende und lebensmittelpunktnahe Versorgung. Aktuell scheint es aber eher so, als würden wir Rückschritte statt Fortschritte machen, wenn ich mir die aktuellen Debatten rund um mögliche Kürzungen der Sozial- und Gesundheitspolitik anschaue. Das ist der Grund, warum ich auch politisch aktiv werde: Gemeinsam mit René Schaar vertrete ich eine Petition mit über 162.000 Unterstützer:innen. Wir fordern ein wirkungsvolles, inklusives und faires Behindertengleichstellungsgesetz.
Was war ein wichtiger Schritt oder Erfolg Ihrer Tätigkeit?
Es gab natürlich in den letzten Jahren Momente, die mich wirklich stolz gemacht haben: dass Greenpeace mich 2024 für die Zukunftsklage angefragt hat. Dass das Magazin „Die Zeit“ mich in ihrer „30 unter 30“-Liste aufführt. Dass ich im März 2025 einen TEDx Talk in Freiburg über die Relevanz der Repräsentation behinderter Menschen halten durfte. Dass ich 2026 von QueerMentor einen Role Model Award für mein Engagement erhalten habe, Vielfalt sichtbar zu machen. Und zuletzt, dass ich 2026 zu einem Poetry Slam auf dem Jahresempfang des Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel eingeladen wurde.
Aber ich glaube, Erfolg ist nicht immer an großen Ereignissen zu messen. Es ist oft ein „Danke“. Es sind Menschen, die mir sagen: „Jedes Mal, wenn ich im Krankenhaus bin, lese ich dein Buch.“ Es ist dieser eine Schüler, der mir ein halbes Jahr nach dem Workshop schreibt: „Ich denke noch immer daran, das hat nachhaltig etwas verändert.“
Ich glaube, Erfolg ist immer dann da, wenn wir nachhaltig Inklusion schaffen können – ob in einem Herzen oder in einem ganzen System.
Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Inklusion in Berlin?
Die größte Herausforderung für Inklusion sehe ich – auch in Berlin – im Schutz unserer Demokratie: einer Gesellschaft, in der alle Menschen als gleich wertvoll gelten, unabhängig davon, ob sie eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung haben, und in der Macht, Teilhabe und Ressourcen entsprechend gerecht verteilt werden. Berlin ist in vielem Vorreiterin, aber auch hier merke ich, wie brüchig dieses Fundament gerade wird. Inklusion braucht Demokratie, um fortzubestehen, und Demokratie braucht Inklusion, um überhaupt eine zu sein. Deshalb ist die größte Herausforderung für mich, unsere Demokratie zu schützen und zu festigen. Nicht nur als Staatsform, sondern als gelebtes Versprechen der Menschenwürde. Für Inklusion einzustehen, bedeutet für mich deshalb immer auch, für unsere demokratischen Werte einzustehen.
Wo sehen Sie Berlin in Sachen Inklusion in fünf Jahren?
Ehrlich gesagt: Eine Glaskugel habe ich nicht. Ich glaube nicht an eine gerade Linie nach vorne. Es wird Wellenbewegungen geben, vielleicht auch den einen oder anderen Bruch, gerade wenn ich mir die aktuellen Debatten um Kürzungspläne anschaue. Aber ich glaube, Berlin ist an solche Brüche gewöhnt und lässt sich davon nicht so leicht entmutigen, weil hier so viele Menschen, Initiativen und Bewegungen zusammenkommen, die sich nicht kleinkriegen lassen. Meine Hoffnung ist: In fünf Jahren ist Inklusion in Berlin nicht mehr das Sonderthema am Rand, sondern selbstverständlicher Teil davon, wie diese Stadt über sich selbst denkt – von der Kita bis zur Stadtplanung. Ob wir da wirklich hinkommen, hängt vor allem an der Frage, ob wir es schaffen, unsere Demokratie und unsere Würde durch diese Wellen hindurch zu verteidigen.
26.08.2026, Redaktion: Maria Milbert
Das Bild wurde mit ChatGPT auf der Basis eines Fotos von Sabrina Lorenz erstellt. Originalfoto: Sabrina Lorenz