Ein Sturz, eine kleine Wunde – und plötzlich ist nichts mehr wie zuvor. Laura, Sozialarbeiterin Mitte 50, überlebt eine seltene, lebensbedrohliche Infektion, verliert Beine und Teile ihrer Hände und steht vor einem radikal veränderten Leben. Dieses Porträt erzählt von Überleben, Entscheidungen am Rand des Todes und der Frage, wie ein gutes Leben im neuen Körper aussehen kann.

Begegnung in der Reha

„Ich bin die alte Laura* im neuen Körper. Was auch immer das bedeutet.“ Das antwortet mir Laura, als ich sie frage, wie sie sich heute vorstellen würde. Eine einfache Frage, die keine einfache Antwort zulässt. Auf der beruflichen Ebene, sagt sie, sei es leichter:

Ich bin Sozialarbeiterin und arbeite in der Eingliederungshilfe mit Menschen mit Behinderung, hier in Berlin. Seit mehreren Jahren bin ich in diesem Job sehr glücklich.

Laura ist Mitte 50, eine aktive, starke Frau, die mitten in ihrem Leben steht: Sie trägt im Job Verantwortung, setzt sich für andere ein, pflegt ihre Beziehungen und ihren Garten. Sie wandert gern, macht Yoga. Seit 20 Jahren lebt sie in einem zunehmend gentrifizierten Berliner Viertel, in ihrer Altbauwohnung, „klein, aber mein“. Bis Mitte 2025 ein Unfall dieses Leben unterbricht. Und verändert.

Ich treffe Laura in ihrem Zimmer in der Reha. Sie sitzt in ihrem Bett. Ihr kurzes grauen Haar ist sorgfältig geschnitten, ihr Blick wach. Sie wirkt beschäftigt: Ihr Smartphone ist vor ihr auf einer Halterung angebracht und die Ablage neben ihr voller Alltagsdinge, sie sich leicht erreichen kann.

Die schmale rechte Hand, von der Teile der Finger amputiert werden mussten, ist mit dünnen weißen Verbänden umwickelt. Die linke Hand fehlt ab dem Handgelenk. Unter der Decke zeichnet sich ihr schlanker, kurzer Körper ab. Beide Beine wurden unterhalb der Knie amputiert.

Ein Regal und die niedrige Fensterbank des geräumigen Zimmers stehen voller Geschenke: Blumen, Weihnachtsmänner aus Schokolade, Bücher, ein Einhorn-Luftballon. Man könnte meinen, Laura sei seit Kurzem hier. Inzwischen sind es jedoch fast acht Monate, die sie in verschiedenen Krankenhauszimmern verbracht hat.

Ein Sturz, eine kleine Wunde – und eine lebensbedrohliche Infektion

Es war ein Mittwoch auf dem Weg nach Hause, ein ganz normaler Junitag. Ich bin in der U‑Bahn-Station auf der Treppe ausgerutscht und über ein Gitter gestolpert.

Als ihr schließlich zwei Frauen aufhalfen, bemerkte Laura, dass sie sich am rechten Knie eine kleine Fleischwunde zugezogen hatte. Sie wartete auf die Straßenbahn, fuhr nach Hause und machte „das Übliche“: desinfizieren, Pflaster drauf. Am nächsten Tag ging sie arbeiten. Früher war sie selbst Krankenschwester, sie kennt sich aus.

Daher wusste sie auch, dass sie zum Arzt musste, als die Wunde zwei Tage später nicht heilte, sondern schlimmer wurde. Weil es ein Wegeunfall war, brachte ihre Chefin sie zum Durchgangsarzt – der sich die Verletzung ansah und Laura nach Hause schickte. Sie sollte das Bein ruhigstellen und in der kommenden Woche wiederkommen. Es war Freitag.

„Und Samstagfrüh war ich tot.“

Laura musste zweimal wiederbelebt werden. Mehrere Zufälle trugen dazu bei, dass sie diese beiden Situationen überlebte. Als es ihr am Samstagmorgen sehr schlecht ging und sie kaum noch sprechen konnte, rief sie einen Freund an. Er hatte sein Telefon nur auf laut gestellt, weil sie sich später treffen wollten. Daher hörte er den Anruf und schickte den Rettungsdienst.

Als dieser eintraf, konnte Laura nur noch reanimiert und ins Krankenhaus gebracht werden. Dort wurde sie erneut wiederbelebt. Zunächst war unklar, was ihr fehlte, woher die extrem hohen Entzündungswerte kamen. Ein Hirntumor stand im Raum. Schließlich stand die Diagnose fest: Bakterien waren durch die Wunde in Lauras Körper eingedrungen – nekrotisierende Fasziitis.

Nekrotisierende Fasziitis – wenn eine Wunde lebensgefährlich wird

Nekrotisierende Fasziitis ist eine seltene, lebensbedrohliche bakterielle Infektion, bei der Haut und Gewebe sehr schnell absterben. Typisch sind plötzlich starke Schmerzen, Rötung und Schwellung, später auch Blasen oder dunkle Verfärbungen, oft begleitet von Fieber und starkem Krankheitsgefühl – aber die Symptome können sich auch anders zeigen.

Auslöser sind meist Bakterien wie Streptokokken, oft nach kleinen Verletzungen oder Eingriffen. Die Erkrankung ist ein medizinischer Notfall: Sie erfordert sofortige Operationen und hoch dosierte Antibiotika; in schweren Fällen kann eine Amputation notwendig sein, um das Leben zu retten.

Diese Art der Infektion ist in Deutschland selten. Nach Daten von 2022 werden etwa 2000 Fälle pro Jahr stationär behandelt, die Hälfte der Betroffenen auf einer Intensivstation. Etwa 15 Prozent benötigen eine Amputation, knapp 19 Prozent – bei bestimmten Bakterien sogar 30–60% – überleben die Infektion nicht. Unbehandelt verläuft sie nahezu immer tödlich. „Angesichts der kritischen Zeitsensitivität und des hohen Sterberisikos von Patient:innen“, heißt es in einer Zusammenfassung für Notfallmediziner:innen, „ist eine frühe Diagnosestellung essenziell“.

Lauras Diagnose wurde nicht früh gestellt, sondern erst nach Tagen. Dass sie dennoch überlebte, sagt sie, bezeichnen alle Beteiligten als „ein Wunder“.

Operationen, Druckkammer, Medikamente – wie Lauras Leben gerettet wurde

Um das von den Bakterien befallene Gewebe vollständig zu entfernen, amputierten die Ärzt:innen Lauras Beine mehrfach – schließlich höher, als sie es zunächst für notwendig gehalten hatten. Dennoch schritt die Infektion weiter fort.

Daher behandelte das Team des Klinikums sie zusätzlich in einer Druckkammer, in der sie reinen Sauerstoff einatmete. Diese sogenannte hyberbare Sauerstofftherapie ist unter anderem aus der Tauchmedizin bekannt, etwa wenn Taucher:innen zu schnell aus großen Tiefen auftauchen.

Sie wird jedoch auch in anderen medizinischen Zusammenhängen eingesetzt. In Lauras Fall sollte sie helfen, schädliche Bakterien abzutöten und das Immunsystem zu unterstützen. Dass Laura in genau diesem Krankenhaus behandelt wurde, ist der zweite Zufall, der half, ihr Leben zu retten. Es ist die einzige Klinik in Berlin mit einer Druckkammer für medizinische Notfälle – und eine von nur sechs in ganz Deutschland.

Außerdem erhielt Laura starke Antibiotika und hoch dosierte Medikamente zur Kreislaufstabilisierung, sogenannte Katecholamine. Auch diese Behandlung war lebensnotwendig, hatte jedoch gravierende Folgen: Sie schädigte ihre Hände irreversibel.

„Bei nekrotisierender Fasziitis ist das selten“, erklärt Dr. Christoph Rosenthal, Oberarzt der Anästhesie im Vivantes-Klinikum Friedrichshain, der dort auch im Druckkammerzentrum tätig ist. „In besonders schweren Fällen“ kann es jedoch passieren, dass Betroffene im septischen Schock eine Störung der Blutgerinnung entwickeln. Zusammen mit den Medikamenten führt diese „zu einer Minderdurchblutung“ der Extremitäten, schließlich zu Thrombosen und zum Absterben des Gewebes.

So rettete die Behandlung Lauras Leben – und führte zugleich dazu, dass auch ihre linke Hand und Teile der rechten amputiert werden mussten. „Ohne die Behandlung wäre ich gestorben“, sagt sie, „so aber sind meine Hände gestorben.“ Zusätzlich verursachte die Infektion Nierenversagen und andere Komplikationen – Laura hat „alles mitgenommen, was man kriegen kann“.

Gegen Abschied und Aufgeben: die Entscheidung ihres Bruders

„Laut Aktenlage“, berichtet Laura, die Sozialarbeiterin, befand sie sich „die ersten 14 Tage im künstlichen Koma“. In dieser Zeit fanden auch die Amputationen statt. Erst später erfuhr sie, wer in dieser Zeit Entscheidungen für sie traf – und wie knapp es um ihr Leben stand.

Niemand wusste, ob ich es schaffe. Auch meine Geschwister wurden hergerufen, um sich zu verabschieden. Und alle haben gesagt, lassen wir sie doch in Würde gehen.

Die Entscheidung über Lauras Leben lag bei ihrem großen Bruder, dem mit dem Einverständnis der Geschwister die gesetzliche Betreuung für den Gesundheitsbereich zugesprochen wurde. Er war der Einzige, der sich für lebenserhaltende Maßnahmen aussprach.

Er hat gesagt: Lassen wir alles versuchen. Und wenn Laura es schafft, kann sie selbst entscheiden, ob sie gehen will oder nicht.

Als mir das später erzählt wurde, hab ich gedacht: Ich hatte noch nicht einmal den Gedanken daran, dass ich gehen will. Und ich bin sehr dankbar, dass mein Bruder das so entschieden hat.

Gleichzeitig versteht Laura die Menschen um sich herum und wirft ihnen nichts vor. Dass das, „was da vor ihnen lag, der Rest von mir“ noch „lebbar“ sein sollte, dass man so leben will, war für ihre Freund:innen und Geschwister nicht vorstellbar. „Das“, so Laura, „ist genau der Punkt, den man nur versteht, wenn man es selbst erlebt hat.“

Die erste Zeit danach: „Ich hatte wirklich keinen einzigen Tag, an dem keiner zu Besuch kam“

So begann für Laura eine lange Zeit im Krankenhaus. Kraft gab ihr die Nähe von Freund:innen und Familie. Eine Freundin entdeckte noch am Wochenende des Unfalls Licht in ihrer verlassenen Wohnung, rief alle Krankenhäuser an, bis sie Laura fand, und besuchte sie wochenlang täglich. Auch ihre Geschwister unterstützten sie weiterhin. „Dass immer jemand da war“, erzählt sie, „hat mich durch alle Albträume hindurch begleitet.“

Nach und nach veränderte sich ihr Zeitempfinden.

Es kommt mir seltsam vor. Ich lag zwei Monate auf der Intensivstation, zwei Monate auf der normalen Station, beim Chirurgen. Und jetzt bin ich schon seit drei Monaten in der Reha. Die Zeit rennt und gleichzeitig bleibt sie stehen.

Trotz aller Unsicherheit und der Nähe zum Tod begann nun für Laura ein Weg, auf dem nicht nur Überleben, sondern auch ihre eigene Haltung zählt.

„Ich habe für mich entschieden, mein Glas ist halb voll“ – zwischen Pech, Glück und schwarzem Humor

Menschen aus Lauras Umfeld betonen immer wieder ihre positive Haltung, ihre Kraft, ihre Stärke. Sie selbst erlebt solche Kommentare seit dem Unfall oft:

Ich habe immer wieder gehört, wie stark ich bin, wie bewundernswert, wie tapfer, wie mutig, was für ein Wunder ich sei. Das hat gar nicht mehr aufgehört. Ich habe nur gesagt: Mir bleibt keine andere Möglichkeit. Was soll ich denn tun?

Ihr Humor, sagt sie, sei seitdem schwarz geworden – und sie brauche ihn auch. Sie erlebt, wie Menschen sich vor Schreck abwenden oder sie anstarren, ist sogar im Restaurant des Krankenhauses die „einzige Vielfachamputierte“ und fühlt sich manchmal unter den Patient:innen als „Freak unter den Freaks“. Sie sucht weiterhin ihren Weg.

Laura hat zwei Erfahrungen gemacht, die unterschiedlicher nicht sein könnten: auf der einen Seite das unglaubliche Pech, aus einer alltäglichen Verletzung schwere Folgen zu ziehen; auf der anderen Seite das große Glück, eine so ernste Infektion mit all ihren Komplikationen zu überleben. Beides für sich genommen ist extrem unwahrscheinlich. Wie bringt ein Mensch das in sich zusammen?

Mit Krisen umzugehen und sich selbst wieder herauszuhelfen, hat sie schon in anderen Lebenskrisen gelernt – zum Beispiel nach dem Tod ihrer Mutter vor elf Jahren. Damals hat sie für sich ein neues Lebensmotto gefunden: „Mein Glas ist halb voll.“ Das ist der eine Punkt, sagt sie. Der andere: „Es muss für irgendetwas gut sein, jetzt erst recht.“

„Ein kleines Stolpern hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt“ – das neue Leben denken

Laura kennt sich als aktive, selbstständige, gut lebende Person. Reist gerne. Lebt gern allein, auch während Corona. Meistert ihre Krisen.

Was ein selbstständiges und gutes Leben in Zukunft für sie bedeutet, wird sich zeigen. Es fällt ihr schwer, sich wieder in ihrem alten Job der Sozialen Arbeit zu sehen – zumindest so wie vorher: „Ich habe viele Gruppenangebote begleitet. Meine körperliche Präsenz war die Grundlage.“

Gleichzeitig bietet ihr die Soziale Arbeit auch Chancen. Mit ihrem schwarzen Humor stellt sie fest:

Das einzig Gute an der Geschichte ist, dass ich keine Pianistin oder Langstreckenläuferin bin. Es ist mein Kopf, der arbeiten darf, es geht ja um Kommunikation.

Laura möchte gerne wieder als Sozialarbeiterin tätig sein, sieht aber auch andere Möglichkeiten für sich.

„Der ganze Scheiß kann nicht umsonst gewesen sein“ – Lauras Ideen für später

„Es war verrückt,“ erzählt Laura, „schon im ersten Krankenhaus meinte ich, ich mache einen Podcast mit meiner Elektro-Ape für Reisen mit Behinderung.“ Noch hat sie weder Ape noch Führerschein, doch Freund:innen sind bereits an Bord. Der Podcast-Gedanke ist nur einer von vielen.

Wenn ich jetzt geschäftssinnig wäre, gäbe es tausend Ideen. Ob die realistisch sind, ist egal, aber es muss irgendetwas passieren, damit der Unfall und alle Folgen nicht umsonst waren.

Sie könnte Aufklärungsarbeit leisten, ein Buch schreiben. Wichtig ist für sie vor allem: „Etwas weitergeben, etwas erschaffen.“ Vielleicht zum Thema „Hilfsmittel für Vierfachbehinderung“ – denn die sind auf dem Markt Mangelware, wie sie in der Reha nach und nach bemerkt.

„Ich wünsche mir, dass endlich ein Status Quo da ist“ – Alltag in Reha und Therapie

Seit mehr als einem halben Jahr lebt Laura in Krankenhäusern. Weitere Operationen stehen an, wie lange die Reha dauern wird, ist unklar.

Ich habe immer das Gefühl, ich bin auf einem Plateau und bleibe dort oder rutsche wieder eine Etage tiefer. Und wünsche mir, dass ich endlich auf einer stabilen Basis aufbauen kann.

Ein Teil dieses neuen Status Quo sind Hilfsmittel: Einen Proberollstuhl hat sie bereits erhalten und vor Kurzem Gehversuche mit ersten Prothesen gemacht – „wie eine Mondlandung auf meinem Planeten“ hat es sich angefühlt. Jeden Tag steht ein volles Programm aus Physiotherapie, Massagen und anderen Therapien an. Gleichzeitig widmet sie sich ihrer psychischen Gesundheit: Erst in der Reha hat sie angefangen, zu weinen, und eine Therapie begonnen, die ihr guttut. Freund:innen besuchen sie weiterhin – inzwischen eher am Wochenende, wenn die Therapien Zeit lassen.

Längerfristige Hoffnungen: Wohnen, Unterstützung, ein Leben nach eigenen Regeln

Lauras Leben unter neuen Voraussetzungen zu organisieren, ist aufwendig und anstrengend.

Meine Krankenkassenkarte, mein Ausweis, Post – das alles zu dirigieren oder zu entscheiden, was brauche ich überhaupt und was fordert mich gerade eher. Ich merke, dass ich damit oft einfach nichts zu tun haben will. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich jetzt im System drin bin und da auch meinen Platz finden muss.

Sie hat einen Grad der Behinderung erhalten, ihr Deutschlandticket gekündigt – der ÖPNV ist für sie jetzt kostenlos. Unterstützung bekommt sie sowohl aus dem Freundeskreis als auch professionell durch Betreutes Einzelwohnen. Dabei achtet sie sorgfältig darauf, niemanden zu überlasten: Es fühlt sich „einfach schräg“ an, als Sozialarbeiterin Unterstützung von Sozialarbeiter:innen anzunehmen.

Ein großes Thema bleibt die Wohnung. Lauras kleine Altbauwohnung, jahrzehntelang ihr Zuhause, ist zu klein und nur über Treppen erreichbar. Aber wenn schon nicht die Wohnung, so hat sie doch fest vor, sich ihren Lebensstil zu erhalten: „Ich nehme nur eine Wohnung im Erdgeschoss mit Terrasse und Garten.“

Die neue Wohnung muss nicht in Berlin liegen – und wahrscheinlich wird sie das auch nicht. Aus ihrer Arbeit kennt Laura die Tücken der Stadt: Wohnungsnot, lange Wege, Ausfälle der BVG, kaputte Aufzüge. Ihre neue Wohnsituation soll näher an der Natur sein. Auch das ist für sie „ein Puzzleteil meiner neuen Zukunft, ein Bruchstück“, dem sie sich widmen wird, sobald sie weiß, wie lange die Reha noch dauert.

„Ich kann noch nicht über den Zaun sehen“: (k)ein Fazit zwischen Überleben und Ungewissheit

Laura sagt, sie habe eine neue Gelassenheit entwickelt: „Geduld ist mein zweiter Vorname. Oder inzwischen mein erster.“ Vieles an ihrem neuen Leben ist noch schemenhaft. Seine Eckpunkte sind ungeklärt: Arbeit, Wohnen, Hilfsmittel, Freizeit. „Das sind alles Eventualitäten“, sagt sie, „aber niemand kann mir sagen: So wird es dann.“

Vor ihr liegt ein Gelände voller Hürden. Laura spricht von einem Zaun, von einem Berg. Sie könne noch nicht darüber hinwegsehen, wisse nicht, wie hoch er sei. „Ich bin zwar eine Überlebende“, sagt sie, „aber noch bin ich nicht über den Berg.“

Es gibt diese eine Laura, die unsicher in die Zukunft blickt. Und es gibt eine andere, die sagt: „Es gibt nur menschliches Blut, und wir sind alle Menschen. Das ist, glaube ich, das Einzige, was zählt.“

Als frühere Krankenschwester ist ihr „nichts Menschliches fremd, gar nichts“. Sie will nicht vorverurteilt werden. Fürchtet, dass Fremde sich ihre Geschichte vorschnell erklären, aus Angst wegsehen oder sie in Schubladen stecken. Gleichzeitig richtet sie ihren Blick nach innen. Sie spürt: Sie hat etwas weiterzugeben. „Auch wenn man sich vieles nicht vorstellen kann“, sagt sie, „ist doch mehr möglich, als es auf den ersten Blick scheint.

Ihr Bruder konnte sich dieses „Mehr“ vorstellen, damals im Krankenhaus, als andere sich schon verabschiedeten. Er gab ihr damit die Möglichkeit, heute selbst zu entscheiden, wie sie leben will. Als sie selbst. In einem neuen Körper, den sie weiterhin kennenlernt und der sich auch noch verändert.

Beide Lauras blicken mit unterschiedlichen Gefühlen, aber realistisch und erfahren in eine Zukunft, die im Moment noch hinter dem Zaun liegt. Wie hoch er ist, wird sich erst zeigen. Dass es diesen Zaun überhaupt noch gibt – und dass Laura heute von ihm erzählen kann –, ist vielleicht schon der Anfang einer Antwort. Vielleicht wird sie in ein oder zwei Jahren davon berichten, wie ihr Leben hinter dem Zaun aussieht.

 

*Name von der Redaktion geändert
Die Illustrationen wurden mit Midjourney und ChatGPT erstellt.