​Die Mauer trennte Ost- und Westberlin – und veränderte auch, wie Menschen mit Behinderung lebten und arbeiteten. 65 Jahre nach dem Mauerbau berichten drei Friedrichshainer:innen, wie ihre Kindheit und ihr Arbeitsleben in der DDR aussahen und was sich für sie mit der Wende veränderte. Bei einem Erzählcafé der Bundeszentrale für politische Bildung kamen sie mit anderen Berliner:innen ins Gespräch. Dieser Beitrag erzählt ihre Geschichte und zeigt Hintergründe auf.

Demonstration vor dem Roten Rathaus 1990, kurz nach der Wende. Foto aus einem Artikel von Ilja Seifert in „die randschau – Zeitschrift für Behindertenpolitik“.
Bild: Archiv Behindertenbewegung

„Ich hatte damals polytechnischen Unterricht in einer Gärtnerei. Einmal habe ich mich furchtbar erschrocken, weil ich beim Laubfegen plötzlich angeschrien wurde – ich hatte zu nah an der Mauer gefegt!“ Das ist Sabines* lebhafteste Erinnerung, wenn sie an die Zeit der Berliner Mauer zurückdenkt. Wie auch zwei andere Menschen am Tisch hat sie Ihre Kindheit in Friedrichshain verbracht, während die Mauer Berlin in zwei Teile teilte. Alle drei wohnen noch heute in Friedrichshain, das heute vielen als Berliner Szene- und Partybezirk bekannt ist. Sie haben sich lange nach der Wende in einem Begegnungszentrum für Menschen mit und ohne Behinderung kennengelernt.

Heute teilen wir uns einen Tisch in der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) – beim Erzählcafé „Mauern sind nicht barrierefrei! Wie war es für Menschen mit Behinderung zu Zeiten der Berliner Mauer?“. Die Veranstaltung wird im August 2026 von der BpB gemeinsam diese mit der Fürst-Donnersmarck-Stiftung organisiert. An fünf Tischen kommen Menschen mit und ohne Behinderung und unterschiedlichen Alters zusammen, Wahl- und Ursprungsberliner:innen, und tauschen sich darüber aus, was sie über damals und heute wissen oder erinnern.

Erzählcafé der Bundeszentrale für politische Bildung.
Bild: Maria Milbert

Aufwachsen mit der Mauer

Zur Kindheit mit der Mauer gehörte für alle drei der polytechnische Unterricht. Schüler:innen in der DDR sammelten hier Erfahrungen in Betrieben oder arbeiteten eine Zeit lang darin mit. Die in Friedrichshain geborene Anette* lernte so noch die Arbeit beim Reichsbahnausbesserungswerk I kennen, dem heutigen RAW-Gelände mit zahlreichen Clubs, Geschäften und Kulturangeboten. Die Mauer war in Kindertagen ein präsenter Anblick für sie: „Man konnte nicht darübersehen – die andere Seite kannten wir nur aus dem Fernsehen. Auch das Brandenburger Tor konnten wir nicht besichtigen.“

Sowohl sie als auch Steffen*, der neben ihr am Tisch sitzt, wuchsen in den Altbauwohnungen der Eltern auf und wohnten bis in ihre Mittzwanziger dort. In Steffens Fall war das eine geräumige Arztwohnung, an die er gerne zurückdenkt. Weniger gerne an das Kohlenschleppen – zum Heizen musste regelmäßig genug Kohle aus dem Keller hochgebracht werden, wohin sie geliefert wurde.

Sabines Geschichte begann hingegen in Bad Saarow. Hier wurde sie geboren, war aber von ihrem Eltern nicht gewünscht. „Ich sollte nicht sein“, sagt sie, während sie von ihrer Kindheit in Kinderheimen erzählt – erst dem in Bad Saarow, dann dem in Friedrichshain. Die Vierbettzimmer wurden hier nachts abgeschlossen, sodass die Kinder nicht zur Toilette konnten. „Ich verstehe nicht, warum“, sagt sie heute kritisch. Im Friedrichshainer Kinderheim erhielt sie gemeinsam mit einigen anderen Kindern Förderung, übte Schuhebinden, Kochen, Basteln und Backen für Geburtstage.

Ein Highlight aus Sabines Schulzeit war ihr Besuch im Spreepark – dem Ostberliner Freizeitpark, der aktuell in Treptow restauriert wird. Die besten „Altstoffverwerter“, also diejenigen Schüler:innen, die das meiste Glas und Papier sammelten und bei der Schule abgaben, wurden mit einem Besuch belohnt. Alle drei erinnern sich an diese Altstoffverwertung, mit der DDR-Kinder sich oft ihr Taschengeld aufbesserten oder einen Beitrag zur Klassenkasse leisteten. Für den Staat bedeutete diese Praxis das eine erhebliche Einsparung, da weniger teure Rohstoffe aus dem Ausland eingekauft werden mussten.

Blick auf die Berliner Mauer
Bild: Shutterstock

Arbeitsleben im Wandel

Steffen, Sabine und Anette erzählen gerne von ihrer Arbeit – und sie hatten welche. Die DDR-Verfassung sah das „Recht auf Arbeit“ vor, und zwar für alle, auch für Menschen mit Behinderung. Steffen arbeitete in einer Friedrichshainer Kellerei, in der Sektflaschen abgefüllt wurden. Sabine war zunächst eine Zeit lang in einer geschützten Werkstatt tätig. Auch diese gehörten zum System der DDR, es gab jedoch im Vergleich zur BRD wenige davon. Wie in den heutigen Werkstätten wurden hier oft Auftragsarbeiten für Firmen erledigt. So baute auch Sabine Spielzeugeisenbahnen zusammen, die damals bekannte TT-Eisenbahn. Später arbeitete sie in der Küche eines Kinderheims, bereitete Malzeiten vor, spülte Geschirr – ein Job, der ihr gut gefiel. Nach dem Mauerfall blieb sie hier noch eine Weile, bis das Heim schließlich geschlossen wurde. „Aber erst mal mussten wir mehr arbeiten“, berichtet sie, „denn einer war direkt in den Westen geflohen.“

Auch für Anette bedeutete die Wende einen Umbruch. Jahrelang war sie für NARVA tätig gewesen, den zentralen Hersteller von Leuchtmitteln in der DDR mit Hauptsitz in Friedrichshain. Zu NARVA gehörte der heutige BASF-Tower, auch Oberbaum City genannt. Darum herum erstreckte sich zu DDR-Zeiten das weitläufige Gelände der Leuchtmittelproduktion, das damals „Lampenstadt“ genannt wurde. Neben den Produktionsstätten gehörten beispielsweise auch eine Poliklinik, Kinderbetreuung, Spotangebote und die Eckkneipe „Zur Glühbirne“ dazu. Letztere existiert heute noch – laut manchen als älteste Kneipe Berlins. Ein Großteil des Alltagslebens vieler Beschäftigter spielte sich in der Lampenstadt ab. Wie manch anderes Unternehmen konnte NARVA dem Druck des freien Marktes nach dem Mauerfall jedoch nicht standhalten und stellte schließlich einen Großteil des Betriebs ein.

So wurde Anette mit Ende Zwanzig zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos. In den nächsten Jahren hatte sie verschiedene Stellen, schließlich auch einige, die durch das heutig Jobcenter gefördert wurden. Am besten gefiel ihr die Arbeit in einer Begegnungsstätte, in der sie Kurse geben konnte. Keines dieser Projekte ging jedoch in eine langfristige Anstellung über. Wie auch Sabine und Steffen ist Anette heute in einer Berliner Werkstatt für Menschen mit Behinderung tätig. Alle drei vermissen ihre Arbeit und für keine:n von ihnen ist die Werkstatt etwas Selbstgewähltes, dass sie dem ersten Arbeitsmarkt vorziehen würden.

Der monumentale Brunnen am Strausberger Platz – ein Beispiel für sozialistische Architektur in Friedrichshain.
Bild: Shutterstock

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Schule und Arbeit in BRD und DDR

Die Erwerbsgeschichte der drei ist in mancher Hinsicht typisch für die DDR. Während die BRD ab den 1960er-Jahren ihr Werkstattsystem ausbaute, setzte die DDR auf die Integration in Betriebe:

„Gesellschaftliche Integration behinderter Erwachsener bedeutete in der DDR in erster Linie Teilhabe durch Arbeit.“
Bundesstiftung Aufarbeitung

Ihrem politischen Anspruch konnte sie dabei jedoch lange nicht immer gerecht werden. Sie scheiterte häufig an Barrieren im privaten und öffentlichen Raum. Gleichsam gab es unter der SED-Diktatur keinen Raum für politische Selbstvertretung und Selbstorganisation von Menschen mit Behinderung, wie die Krüppelbewegung, die Clubs Behinderter und ihrer Freunde oder die Zentren für Selbstbestimmtes Leben der BRD ab den 1970er-Jahren. Während sich in Westdeutschland in den 1980er-Jahren ach und nach Persönliche Assistenz und ambulante Wohnangebote neben den Institutionen etablierten, waren gerade körperbehinderte Menschen im Osten stärker und länger von ihrem persönlichen Umfeld abhängig und lebten bei der Familie.

Eine Teilnehmerin hat Kinderbuch aus der DDR mitgebracht.
Bild: Maria Milbert

Auch im Bereich Schule gab es eine Zweiteilung: Zwar konnten viele DDR-Bürger:innen in Regel- und Sonderschulen – meist Internaten – gefördert werden, es gab jedoch für Menschen mit Behinderung kein Recht auf Bildung. Besonders Kinder mit schweren intellektuellen Beeinträchtigungen wurden teils als „bildungsunfähig“ beurteilt und damit vom Schulbesuch komplett ausgeschlossen.

Die damalige Situation von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen der Psychiatrie und der Behindertenhilfe in beiden deutschen Staaten ist inzwischen wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Im Ergebnis einer Studie der Universität Düsseldorf zeigt sich: Weder in der BRD noch in der DDR gab es zunächst Interesse an diesen Kindern, für die kaum passende Angebote zur Verfügung standen. In den vorhandenen Heimen erfuhren sie großes Leid und Unrecht – körperliche Gewalt, Isolation, starke und nicht gewollte Medikation und Fixierungen sind Beispiele dafür. Auf beiden Seiten der Grenze waren die Zustände in Heimen prekär und Förderung wurde kaum angeboten. Während sich dies in der BRD jedoch ab den 1970er-Jahren durch die starke Kritik an Psychiatrie und großen Institutionen langsam zu ändern begann, bestanden die Einrichtungen der DDR bis zur Wende weitgehend unverändert fort.

Ein Blick zurück, ein Leben heute

Die drei Friedrichshainer:innen berichten nur wenig von solchen Erfahrungen. Im Sinne der DDR waren sie arbeits- und schulfähig und fanden ihren Platz im System. Vor der Wende war ihr Lebensweg bis ins Rentenalter weitgehend ohne Institutionen oder direkte staatliche Hilfe vorstellbar gewesen. Vielleicht wären sie mit den bekannten Kolleg:innen in ihren Betrieben geblieben. Sie hätten kaum Möglichkeiten gehabt, von der Selbstvertretung und von ambulanten Angeboten für Menschen mit Behinderung zu profitieren. Aber die Wahl, in einem Betrieb zu arbeiten, wurde ihnen mit der Wende genommen – weil Deutschland bis heute an seinem Werkstattsystem festhält, entgegen der UN-Behindertenrechtskonvention und den Rügen der UN.

Davon abgesehen scheint keine:r der drei grundsätzlich unzufrieden mit dem heutigen Leben – alle gestalten ihre Zeit aktiv und wohnen gerne weiter in Friedrichshain. Über das heutige Berlin beschweren sie sich auf ähnliche Art wie Altberliner:innen im Westen: „Die Straße ist ein Schweinestall“, flucht Anette, und „niemand kennt seine Nachbarschaft mehr“, meint Steffen. Vor allem sei alles teurer geworden, vor allem Fahrkarten. Die kosteten damals nur 10 Pfennig. „Manchmal,“ flüstert Sabine augenzwinkernd, haben wir sie am Automaten auch heimlich mit einem Knopf bezahlt.“

Der Mauerstreifen zeigt auf Berliner Boden, wo die Mauer früher verlief.
Bild: Shutterstock

*Namen von der Redaktion geändert