Nancy Frind hat fast sieben Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet – als Beschäftigte und später auch als Frauenbeauftragte und Werkstatträtin. Heute ist sie Referentin bei der Liga Selbstvertretung und kämpft für bessere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und mehr Mitspracherecht. Im Gespräch erzählt sie von Zugehörigkeit und Abhängigkeit in der Werkstatt, vom schwierigen Ausstieg und von ihrer Vision einer inklusiveren Arbeitswelt. In dieser soll es auch weiterhin Werkstätten geben – aber immer mit der Option, zu gehen.
Die Werkstatt: „Es war für mich erst mal ein Schritt, dass ich überhaupt etwas zu tun hatte.“
Maria Milbert: Hallo Frau Frind, Sie haben mehrere Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Wie würden Sie diese Zeit beschreiben?
Nancy Frind: Es war anfangs sehr schön. Ich war fast sieben Jahre dort. Manchmal habe ich gedacht, da gehöre ich auch wirklich hin.
Es war für mich erst mal ein Schritt, überhaupt etwas zu tun zu haben. In einem System, aus dem man kaum rauskommt als Mensch mit Beeinträchtigungen, ist man froh, dass man ein bisschen was machen kann.
Maria Milbert: Was waren Ihre Arbeitsbereiche in der Werkstatt?
Nancy Frind: Ich habe in verschiedenen Bereichen gearbeitet und hatte auch ein Praktikum in einem anderen Betrieb, das mir gut gefallen hat. Aber dort kam ich mit ein, zwei Leuten nicht richtig klar.
Und dann war ich in der Gewürzabteilung der Werkstatt. In dieser Truppe habe ich mich wohlgefühlt und die vermisse ich heute noch. Das sind Freunde, die mir ans Herz gewachsen sind, eine Familie. Zur Werkstatt gehört auch, davon abhängig zu sein. Man hat einfach ein Problem, sich abzukapseln.
„Mein Bewusstsein wurde stärker und stärker“ – das Engagement als Frauenbeauftragte bringt Veränderung
Maria Milbert: Irgendwann hat sich etwas für Sie verändert. Was ist passiert?
Nancy Frind: Irgendwann wurde ich Frauenbeauftragte und Werkstatträtin. In dieser Zeit habe ich mich immer weiterentwickelt und bin auch in eine Partei eingetreten. Mein Bewusstsein wurde stärker und stärker.
Maria Milbert: Wie haben Sie sich als Frauenbeauftragte in der Werkstatt engagiert, was waren Ihre Aufgaben?
Nancy Frind: Es ging darum, die Frauen sichtbar zu machen und mit ihnen zu sprechen. Ihnen auch zu vermitteln, was Gewalt ist und was Gewaltschutzkonzepte sind.
Ich bin als Frauenbeauftragte aber auch rausgegangen in die Politik, weil ich die Werkstätten und die Frauenbeauftragten sichtbar machen wollte.
Außerdem habe ich mit der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten von Thüringen zusammengearbeitet und sie hat einen Selbstverteidigungskurs gesponsert. Er wurde von den Frauen gut angenommen und das ist nicht selbstverständlich.
Maria Milbert: Gab es eine konkrete Situation, die sie dann zu Ihrer Entscheidung bewegt hat, nicht mehr in der Werkstatt zu arbeiten?
Nancy Frind: Ja, es gab einen Vorfall in meiner Werkstatt, der mir Angst gemacht hat, und dann hat sich etwas verändert. Mir wurde ein Hakenkreuz in den Spind geritzt. Danach habe ich oft gefehlt. Bis mir dann die ehemalige Ministerin von Thüringen gesagt hat: Hey, es gibt doch die Liga Selbstvertretung. Ich saß dort schon ehrenamtlich im Vorstand.
Dann habe ich meinen heutigen Arbeitsvertrag bei der Liga bekommen. Jetzt bin ich Referentin dort und kann mich um Menschen mit Behinderung kümmern.
Maria Milbert: Gab es neben der Ministerin noch jemanden oder etwas, der oder das sie auf dem Weg aus der Werkstatt unterstützt hat?
Nancy Frind: Ich muss sagen, das war vor allem die ehemalige Ministerin. Auch Freunde und Bekannte haben mich unterstützt.
Ansonsten hat mir kaum jemand geholfen. Die Werkstatt hat sich gewundert, weil es so schnell ging. Ich habe damals auch das Sozialamt von Erfurt angesprochen und kann es loben. Die haben schnell gesagt: Wir kriegen das hin. Das Amt unterstützt mich heute immer noch ganz gut, wenn es ein paar Probleme gibt, was auch normal ist.
Neue Arbeit, neuer Wohnort: „Ich habe den Absprung geschafft“
Maria Milbert: Wie hat dieser Schritt raus aus der Werkstatt sie verändert?
Nancy Frind: Als ich die damalige Gleichstellungsbeauftragte kennengelernt habe, habe ich angefangen zu weinen. Ich konnte nicht richtig sprechen. Mir fällt es heute immer noch manchmal schwer, aber es ist nicht mehr wie früher.
Aus diesem ganzen Veränderungsprozess bin ich sehr positiv rausgegangen. Ich habe mich um 180 Grad gewendet. Ich bin ruhiger geworden – außer, wenn ich in der Politik spreche.
Ich habe ein neues Leben bekommen.
Maria Milbert: Und Sie sind auch umgezogen, richtig?
Nancy Frind: Ja, vor 3,5 Jahren. Ich habe eine eigene, coole Wohnung. Bin raus aus der Platte und in den Altbau eingezogen. Das hätte ich vor vielen Jahren nicht gedacht. Aber ich habe den Absprung geschafft. Auch dabei haben mich Freunde und Bekannte unterstützt. Sie haben gesagt: Du bist du. Du darfst auch du sein.
Ich habe gedacht, ich brauche einen Neuanfang. Von Erfurt bin ich ins schöne Weimar gezogen. Zu meiner Arbeitsstelle ist es jetzt weiter. Aber ich bin hier glücklich.
Wenn ich mir einen Urlaub leiste, einmal im Jahr, fahre ich an die Ostsee hoch. Das hätte ich mir mit dem Lohn von der Werkstatt nicht leisten können.
„Mir ist wichtig, dass die Leute verstehen: Ich darf aus diesen Werkstätten raus.“
Maria Milbert: Heute arbeiten Sie bei der Liga Selbstvertretung in Thüringen. Was macht die Liga genau, und wofür sind Sie dort zuständig?
Nancy Frind: Das ist eine Interessenvertretung für Menschen mit Behinderung. Ich bin dort Referentin für Werkstätten und besondere Wohnformen und mache Lobbyarbeit.
Erst mal kümmere ich mich darum, dass ich die zuständigen Leute erreiche. In den Werkstätten und besonderen Wohnformen ist es nicht immer einfach.
Die Werkstatträte, Frauenbeauftragten und die Beschäftigten der Werkstätten sprechen mich aber auch von sich aus an. Die kennen meine Nummer und melden sich anonym, um zu reden. Das mache ich auch, weil es mir wichtig ist.
Maria Milbert: Gehen Sie auch direkt in die Werkstätten, um dort etwas anzubieten?
Nancy Frind: Ja, ich biete über die Liga viele Workshops an zu Aufklärung, Selbstbestimmung, über Werkstatträte, Frauenbeauftragte. Nicht jede Werkstatt ist begeistert von mir und ich entscheide spontan, was sie brauchen.
Auch das Budget für Arbeit und das Budget für Ausbildung sind große Themen in meiner Arbeit. Mir ist wichtig, dass die Leute verstehen: Ich darf aus diesen Werkstätten raus. Mit Hilfe und Unterstützung kann ich das schaffen.
Außerdem geht es um Gesetze, das ist ein wichtiges Thema. Wenn Wahlen sind, werten wir auch mal Wahlprogramme von allen Parteien aus.
Maria Milbert: Arbeiten Sie ausschließlich in Thüringen oder auch darüber hinaus?
Nancy Frind: Ich mache es in Thüringen und bin deutschlandweit gut vernetzt. Schon früher habe ich als Frauenbeauftragte und Werkstatträtin viele Kontakte aufgebaut.
Ich beschäftige mich auch mit der Politik und sage: Wir sind auch noch da. Redet mit uns, macht etwas.
Engagement für Frauen mit Behinderung ist wichtig – „weil sie viel Gewalt erleben“
Maria Milbert: Sie setzen sich besonders für Frauen in Werkstätten ein. Was muss sich für die Frauen verändern, wie bestärken Sie sie?
Nancy Frind: Ich glaube, die Frauenbeauftragten müssen sich mehr zusammentun und sagen, hey, wir haben hier Rechte. Ich wünsche mir, dass sie noch mehr Mitspracherecht in den Werkstätten haben, wenn es zum Beispiel um Urlaub geht, um Gehälter oder Umbauten. Oder mal eine Kaffeerunde am Wochenende – das müssen sie einfach machen können, ohne Diskussion.
Zwischendrin habe ich auch einen Verein gegründet, extra für Frauen.
Maria Milbert: Wie heißt Ihr Verein und wie setzt er sich für Frauen ein?
Nancy Frind: Wir sind der Landesverband für Frauen mit Behinderung in Thüringen e. V. Den habe ich zusammen mit anderen in der Pandemiezeit gegründet. Auch zwei Männer mit Behinderung sind dabei. Es war mir wichtig, Frauen mit Behinderung im Fokus zu haben, weil sie viel Gewalt erleben – auch mehr als Frauen ohne Behinderung.
Das ist mir eine Herzensangelegenheit. Wir versuchen, viel zu unternehmen, zum Beispiel Schutzkonzepte mit verschiedenen Projekten zu erarbeiten. Ich arbeite oft mit einem Frauenzentrum zusammen, um gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren, zum Beispiel Workshops zu Selbstbehauptung.
Wir sind auch auf Demonstrationen oder organisieren sie. Mit Fridays for Future Erfurt mache ich das gerade einmal im Jahr zusammen. Es ist anstrengend, aber wir haben sehr, sehr viel Spaß.
„Ich kämpfe nicht gegen Werkstätten, sondern für bessere“
Maria Milbert: Sie haben in einem Social-Media-Post geschrieben: „Ich kämpfe nicht gegen Werkstätten, sondern für bessere.“ Was bedeutet dieses Besser konkret? Können Sie uns beschreiben, wie eine ideale Werkstatt für Sie aussehen würde?
Faire Bezahlung und Beziehungen auf Augenhöhe
Nancy Frind: Mit mehr Anerkennung und mehr Gehalt. Darum geht es mir.
Die Werkstattbeschäftigten sollen wirklich für ihre Arbeit gut bezahlt werden. Es ist nicht nur Kugelschreiberzusammenbauen, es geht um Dinge, die wir auch im Alltag benutzen. Das muss mehr bezahlt werden.
Ich bin mir nicht sicher, ob Mindestlohn erst mal eine ausreichende Basis ist. Aber das wäre schon mal eine Anerkennung.
Maria Milbert: Geht es Ihnen noch um andere Arten der Anerkennung?
Nancy Frind: Menschen in Werkstätten dürfen nicht wie kleine Kinder behandelt werden. Mir geht es einfach nur darum, dass wir wirklich als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Mensch mit Behinderung. Dass wir nicht als dumm hingestellt werden, wie es in großen Teilen passiert. Das ist Diskriminierung. Auch das ist mir jetzt erst klar geworden.
Wir sind nicht immer einfach, das will ich auch mal zugeben können. Aber wir sind Menschen und wir möchten auch gerne so sein. Und wenn wir unsere fünf Minuten haben, sollen sie uns einfach mal fünf Minuten in Ruhe lassen.
Maria Milbert: Was muss in dieser Hinsicht konkret passieren? Müssen sich die Strukturen ändern?
Nancy Frind: Strukturen müssen sich so oder so ändern. Man sollte auch die Betreuer, oder wie auch immer man sie liebevoll nennt, immer wieder schulen. Jede Erkrankung, die wir haben, psychisch oder auch körperlich, verändert sich und damit müssen sie umgehen können. Wenn sie Fragen haben, können sie uns auch selber fragen, was wir brauchen. Ich habe viele schwierige Situationen erlebt und immer mit einem Lächeln hingenommen.
Werkstätten müssen diverser werden
Maria Milbert: Was muss sich noch verändern?
Nancy Frind: Mir geht es darum, dass die Werkstätten, die wir jetzt haben, sich einfach für alle Menschen öffnen – dass also auch Menschen reinkommen, die nicht von hier sind. Viele Kriegsgeflüchtete haben eine Beeinträchtigung.
Dann gehen die dann vielleicht auch wieder. Aber behinderte Menschen in Werkstätten kommen dann auch mit diesen Leuten mal in Kontakt. Das würde ich mir wünschen. Aktuell können Geflüchtete erst in Werkstätten, wenn sie einen Behindertenstatus haben. Vorher können sie eine Ausbildungsmaßnahme für ein Jahr machen, danach wird es schwieriger.
Maria Milbert: Was würde sich dadurch konkret verändern? Geht es Ihnen darum, dass auch Geflüchtete das Recht haben, Werkstätten zu besuchen? Oder soll sich das Klima in den Werkstätten verändern?
Nancy Frind: Es geht mir darum, dass wir wirklich Vielfalt entwickeln. Da gehören auch diese Menschen dazu. Sie haben auch ein Recht auf einen Werkstattplatz. Außerdem müssen viele Menschen in den Werkstätten lernen, dass nicht alle Geflüchteten böse Menschen sind.
Werkstätten brauchen politische Bildung
Maria Milbert: Das klingt, als hätten Sie in Werkstätten viel Rassismus miterlebt.
Nancy Frind: Ich habe viel mitbekommen, was ich nicht unbedingt erleben, hören oder sehen wollte.
Aber mir ist es wichtig, dass alle Menschen das Recht haben, Werkstätten zu besuchen. Wir reden hier von Inklusion und Vielfalt und wir müssen uns öffnen. Da mache ich mir keine Freunde, wenn ich das sage, aber das ist mir egal. Wir brauchen in den Werkstätten auch Aufklärung, wenn es um Politik geht.
Maria Milbert: An welche Art politischer Aufklärung denken sie da konkret?
Nancy Frind: Wir haben jetzt gerade einen Politikwandel, der unangenehm für alle Menschen ist. Und da würde ich mir einfach mehr Aufklärung wünschen. Dass wir auch mal sagen, hier gibt es Parteien, die sind nicht gut für uns.
Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und merke ja, wer was wählt. Viele Menschen in den Werkstätten wählen eine Partei, die nicht wählbar ist.
Großer Veränderungsbedarf – aber das Recht auf den Werkstattplatz muss bleiben
Maria Milbert: Die UN hat Deutschland schon 2015 empfohlen, das Werkstattsystem abzuschaffen. Warum wollen Sie, dass es das weiterhin gibt?
Nancy Frind: Ich will nicht, dass neue Werkstätten gebaut werden. Das ist nicht im Sinne der UN-Behindertenrechtskommission. Es geht mir darum, dass wir das Ding öffnen: Die, die raus wollen, sollen dabei keine Hürden haben. Das fehlt mir einfach. Die Werkstätten müssen sich komplett verändern.
Aber in den Werkstätten sind Menschen, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Das ist ihr Zuhause und das möchte ich ihnen auch nicht wegnehmen. Ich rede also nicht von Schließungen.
Wir brauchen die Werkstätten, denn die Gesellschaft ist noch nicht so offen für uns.
„Die Gesellschaft ist noch nicht so offen für uns“ – Hürden auf dem Weg aus der Werkstatt
Maria Milbert: Was sind gesellschaftliche Probleme, wegen denen viele Menschen noch nicht auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gelangen?
Nancy Frind: Jeder Mensch hat ein anderes Arbeitspensum. Und Arbeitsassistenz zu bekommen, ist schwierig. Aber ich glaube, die Arbeitgeber müssen erst mal darüber aufgeklärt werden, dass wir da sind und wie das Kündigungsrecht funktioniert.
Wir dürfen auch gekündigt werden. Es dauert nur zwei Wochen länger, weil der Integrationsfachdienst gefragt werden muss. Da gibt es falsche Vorstellungen, die aus den Köpfen der Leute rausmüssen.
Natürlich kann man sich gegen eine Kündigung auch wehren. Ich würde mich wehren, weil ich gelernt habe, ich darf das.
Maria Milbert: Welche Hürden gibt es in den Werkstätten selbst?
Nancy Frind: Ich habe das Gefühl, keiner kennt das Budget für Arbeit oder das Budget für Ausbildung. Und viele Menschen in den Werkstätten wissen nicht, dass es Möglichkeiten gibt, solche Systeme in Anspruch zu nehmen.
Man wird in der Werkstatt selten informiert. Es ist wichtig, dass die Werkstatträte oder die Frauenbeauftragten darüber sprechen, was es gibt und dass man gehen kann, wenn man das möchte.
Das Budget für Arbeit: Der Weg in den Job?
Maria Milbert: Sie selbst nutzen das Budget für Arbeit. Wie geht es Ihnen damit und welche Herausforderungen sehen Sie aktuell?
Nancy Frind: Ich bin froh, es zu haben. Aber für mich ist noch offen, wo wir uns hinwenden können. Ich als Arbeitnehmerin, die manchmal Probleme hat – wen kann ich damit ansprechen? Ich möchte das Sozialamt nicht nerven, wenn ich mit meinem Arbeitgeber gerade Stress habe. Da muss sich noch was ändern.
Immerhin zahlen wir Rentenversicherung. Aber die Arbeitslosenversicherung zahlen wir nicht, weil wir den Anspruch haben, in die Werkstatt zurückzugehen. Das finde ich auch wichtig. Sonst hätte ich mich nicht für das Budget für Arbeit entschieden, das muss ich ehrlich zugeben. Den Werkstattplatz möchte ich nicht in Anspruch nehmen, aber das Gefühl der Absicherung ist mir wichtig.
Maria Milbert: Was würde passieren, wenn Sie Ihren Arbeitsplatz verlieren und nicht zurück in die Werkstatt wollten?
Nancy Frind: Ich rutsche wieder in die Grundsicherung zurück. Was auch okay ist, dann kann ich gucken, ob ich etwas anderes finde.
Aber vor diesem Hintergrund mache ich ganz viele Schulungen nebenbei – auch, um für mich selber zu beweisen, dass ich nicht dumm bin.
Maria Milbert: Erleben Sie heute immer noch solche Vorurteile im Arbeitsalltag?
Nancy Frind: Das wird mir fast täglich vorgeworfen. Ich kämpfe dagegen. Wenn man mir erklärt, wie was funktioniert, dann denke ich oft, ihr wollt mich jetzt komplett verarschen. Manchmal mache ich den Spaß auch mal mit. Dann fragen die mich, ob ich sie verarschen will. Ich sage, ich habe jetzt nicht angefangen mit dem Verarschen.
Dass ich eine Lernschwäche und eine psychische Erkrankung habe, heißt doch nicht, dass ich dumm bin. Man möchte wahrgenommen werden. Aber im Alltag werde nicht ich mit Fragen angesprochen, sondern andere Menschen. Ihr könnt auch mich fragen.
Arbeitsassistenz: „Das sind keine Profis, aber sie machen das, worum ich sie bitte.“
Maria Milbert: Nutzen Sie auch Arbeitsassistenz?
Nancy Frind: Ich habe für mich Assistenzkräfte eingestellt. Sie studieren etwas Soziales. Ich denke: Wenn ihr das sowieso später machen wollt, habt ihr mit mir gleich mal die Person, die ihr braucht.
Und ich bin froh, diese Menschen zu haben. Das sind keine Profis, aber sie machen das, worum ich sie bitte. Solche Menschen zu finden, die wirklich Lust und Laune haben, ist schwierig. Von mir bekommen sie eine Aufwandsentschädigung. Ich habe vom Sozialamt 480 Euro zur Verfügung, durch zwei geteilt ist das wenig. Aber sie sind froh, dass sie neben ihrem Studium ein bisschen Geld verdienen.
Maria Milbert: Sie haben gesagt, es ist schwierig, Arbeitsassistenz zu bekommen. Welche Hürden gibt es hier?
Nancy Frind: Ob und vom wem sie Assistenz bekommen, das sollen die Beschäftigten, die das Budget haben, auch selbst bestimmen, ohne dass ein Arbeitgeber sich da reinhängt. Wir entscheiden, mit wem wir arbeiten können.
Maria Milbert: Wollte Ihr Arbeitgeber mitentscheiden, wer Sie während der Arbeit unterstützt?
Nancy Frind: Es war anfangs etwas schwierig, als ich gesagt habe: Was ich mache, entscheide ich selber. Dass sie mich unterstützen wollten, kann ich auch nachvollziehen. Aber ich bin selbstbestimmt und auch nicht die Beliebteste auf meiner Arbeit.
Das ist auch okay so. Ich mache mich gerne unbeliebt, weil ich weiß, dann mache ich es richtig.
Was die Politik braucht: „mit uns reden und nicht über uns“
Maria Milbert: Was sind Ihre konkreten Forderungen an die Politik?
Nancy Frind: Papier ist geduldig, das wissen wir alle. Es muss einfach mehr von dem, was sie versprechen, auch umgesetzt werden – statt zu kürzen, wie es der liebe Bundeskanzler ja vorhat.
Wir brauchen diese Unterstützung, wir haben ein Recht auf Bildung und auch auf Menschen, die uns außerhalb der Werkstätten unterstützen. Das soll bitte auch so bleiben. Es kostet Geld, das ist uns allen bewusst, aber da darf nicht drauf geguckt werden. Wir haben das Recht, wir haben eine UN-Behindertenrechtskommission, die wurde Deutschland unterschrieben.
Maria Milbert: Wo soll die Politik anfangen?
Nancy Frind: Es müssen wirklich die Menschen persönlich gefragt werden, die es betrifft. Und nicht die Verbände oder Vereine, die uns betreuen. Es geht um die Menschen. Die Politik soll versuchen, das zu machen, was sie wollen.
Mir ist es also wichtig zu sagen, die Leute sollen mit uns reden und nicht über uns. Es gibt auch Aktivistinnen, die klein sind und trotzdem gehört werden möchten. Ich bin nicht hier, um Geld zu verdienen. Ich bin hier, um laut zu sein, um Menschen die Stimme zu geben, die es nicht können.
Rat für Menschen in Werkstätten: „Laut zu sein und sich nicht alles gefallen zu lassen“
Maria Milbert: Denken Sie mal an Menschen, die in einer Werkstatt arbeiten und nicht sicher sind, ob das der richtige Platz für sie ist. Was raten Sie ihnen?
Nancy Frind: Laut zu sein und sich nicht alles gefallen zu lassen. Sie dürfen sich auch gegen dieses System wehren. Wir sollten jetzt keine Gewalt anwenden, aber sie dürfen laut sein. Und das sollen Sie bitte auch. Sie haben das Recht. Und wenn Sie es nicht alleine können, sollen Sie sich an Menschen wenden, die das gerne machen.
Maria Milbert: Können sie sich auch direkt an Sie wenden?
Nancy Frind: Sehr, sehr gerne. Na klar.
Maria Milbert: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Nancy Frind erreichen - bei der Liga Selbstvertretung Thüringen
E-Mail: frind@selbstvertretung-thueringen.de
Homepage: https://selbstvertretung-thueringen.de/
Mobiltelefon: 0170 36 39 752
Tel.: 0361 55068702
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